Grosse und kleinere Päpste

Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. Diese Worte legt Matthäus oder ein anderer Redaktor Jesus in den Mund. Bibelwissenschafter gehen davon aus, dass der Text zwischen den Jahren 80 und 100 verfasst wurde, also historisch nicht belegt ist. Sowenig gesichert ist auch Petrus‘ Anwesenheit in Rom und seine bischöfliche Funktion. Die Kirche überliefert, dass Petrus (zusammen mit Paulus) im Jahre 67 vom Kaiser Nero am Vatikanhügel hingerichtet und dort begraben wurde. Am 29. Juni wird den Märtyrern gedacht. Wie auf bildlichen Darstellungen überliefert, soll er auf eigenen Wunsch kopfüber ans Kreuz genagelt worden sein, um nicht auf die gleiche Art wie Jesus zu sterben. Er soll 25 Jahre lang Bischof von Rom gewesen sein, so dass fortan eine Amtszeitbeschränkung von dieser Dauer galt, bis schliesslich 1871 Pius IX. diesen Bann gebrochen hat. Pius XII. liess dann einen deutschen Archäologen während dem 2. Weltkrieg im Vatikan graben und verkündete, das Grab von Petrus gefunden zu haben.

Irenäus von Lyon legt um das Jahr 180 die erste Sukzessionsliste des apostolischen Stuhles vor und bekräftigt das Primat des römischen Bischofs. In der Liste der frühen Päpste fehlen allerdings historische Belege, solche gibt es etwa ab dem Jahr 200. Um das Jahr 300 kommt die Bezeichnung Papst auf, später dann auch Pontifex, der Titel des römischen Oberpriesters. Vor der Konstantinischen Wende starben die Päpste vorzugsweise den Märtyrertod und wurden daher von ihren Nachfolgern ausnahmslos heiliggesprochen. Rom war stilbildend für den Märtyrerkult und die Heiligenverehrung, für die Liturgie und den Kirchengesang. Sloterdijk spricht von schicksalshafter Bedeutung der Kirche in der politischen Geschichte Europas.

Mit dem Mailänder Edikt von 313 und der Zuwendung von Kaiser Konstantin wurden die bisher verfolgten Christen über Nacht zu Trägern der neuen Staatsreligion. Konstantin liess über dem Petrusgrab eine fünfschiffige Basilika errichten, bis ins Mittelalter die grösste Kirche. 325 berief er das Konzil von Nizäa ein, dem er persönlich vorstand. Gegen die Arianer aus Alexandria, welche den einen Gott über seinem Sohn und dem heiligen Geist sehen, wurde die Trinität dogmatisiert. Die nächsten sechs ökumenischen Konzile fanden immer im Osten statt und wurden durch die oströmischen Kaiser einberufen. Die weströmischen Päpste fuhren nicht persönlich hin. Konstantin soll dem Papst den Lateranpalast, die Stadt Rom und die westlichen Reichsgebiete geschenkt haben, als er gegen Osten zog. Die vermeintlichen Urkunden entpuppten sich als Fälschung.

Im Jahr 440 wird Papst Leo erwählt, der bald der Grosse genannt werden wird. Er schickte 451 seine christlogische Lehrmeinung (Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, Zweinaturenlehre) an das Konzil von Chalcedon, wo es mit grosser Zustimmung aufgenommen wurde. Er verstand es, den Anspruch der Führungsrolle von Rom gegenüber den anderen grossen Bischofssitzen in Alexandria, Antiochia, Jerusalem und Konstantinopel zu stärken. Er besänftigte die Hunnen und die Vandalen. Er berief sich gerne auf Petrus, um seine Autorität zu stärken.

Der nächste Grosse war Gregor (590-6049, „der letzte Römer“. Er stammte aus einer alten Senatorenfamilie und war vor seiner kirchlichen Laufbahn Stadtpräfekt von Rom. Er bezeichnete sich selbst als Servus Servorum Dei. Diesen Titel führen die Päpste noch heute. Er formte die kirchlichen Besitzungen zum Staat, schickte Mönche los, um England zu missionieren und bewegte die Langobarden zum Abzug, als diese 592 Rom belagerten.

Unter Berufung auf die konstantinische Schenkung wurden die Päpste seit dem 11. Jahrhundert gekrönt, ab dem 14. Jahrhundert mit der dreistöckigen Tiara.

Die karolingische Einfügung des Filioque in das altkirchliche credo wurde im Osten nie akzeptiert. Schliesslich legten Päpstliche Gesandte vor Kaiser und Patriarch eine Bulle auf den Altar der Hagia Sophia, welche die Exkommunikation vollzog. Die Päpste beanspruchten nun das alleinige Recht, Heiligsprechungen vorzunehmen. Und der Papst sollte nicht mehr durch Klerus und Volk von Rom gewählt werden, sondern dem Kardinalskollegium. Am Zweiten vatikanischen Konzil kam dann ohne Erfolg die Idee auf, die 3000 Bischöfe zum Wahlgremium zu machen. Da das Kardinalskollegium immer länger für den Wahlprozess brauchte, wurde 1274 das Konklave eingeführt wurde. Die Wahl braucht ein Zweidrittelsmehr.

Mit nur 38 Jahren wurde Innozenz III. gewählt, der mächtigste Papst des Mittelalters. Als Kanonist schuf er Ordnung in der Kanzlei und perfektionierte den Nepotismus. Er bezeichnete sich selbst als vicarius Jesu Christi, also sein Stv. Katarer, Albigenser, Waldenser und die Masse nach dem Vorbild der Apostel mittellosen Wanderprediger bedrohten das römisch-katholische Primat. Er setzt auf die jungen Bettelorden von Franziskus und Dominikus, die er empfing und denen er Anerkennung zollte. Die Franziskaner unterwarfen sich dafür bedingungslos unter die Sakramente der Kirche. Mit Innozenz III. erreichte der Kirchenstaat seine grösste Ausdehnung. Er zettelte einen vierten Kreuzzug an und eroberte 1204 Byzanz.

Im dunklen Mittelalter kam die Legende von der Päpstin Johanna auf. Sie soll überführt worden sein, weil sie mitten in einer Prozession, wie soll ich sagen, niedergekommen ist. Seither wurden neu gewählte Päpste auf den sedes stercoraria gesetzt, sodass ein Diakon das Geschlechtsorgan von unten zur Schau bekam. Der Kotstuhl steht immer noch im Vatikan zur Bestaunung.

Zum 1300. Geburtstag Jesu, Jerusalem war verloren, strömten Pilger in Massen nach Rom. Bonifaz VIII. setzte sich an die Spitze dieser Bewegung und rief am 22. Februar 1300 erstmals ein heiliges Jahr aus. Avignon, wohin der gefangene Papst verschleppt wurde und das 70 Jahre lang als Papstresidenz diente, gehörte schon vorher und auch nachher zum Kirchenstaat – bis zur französischen Revolution. Bald gab es zwei, dann drei Päpste. Bis das Konzil mit Martin V. einen Kandidaten kürte, der allgemeine Anerkennung fand. Dieses Konzil in Konstanz blieb aber in Erinnerung, weil dort Jan Hus verbrannt wurde.

Im Renaissancepapsttum treten die religiösen Belange hinter politische Interessen und kulturelles Mäzenatentum. Der Vatikanpalast wird gebaut, die Bibliothek universalisiert. Alexander VI., ein Borgia, teilte 1493 die Welt in kastilische und portugiesische Hoheitsgebiete. Er verheiratete seine zahlreichen Kinder herrschaftspolitisch. Er soll mehrere Rivalen vergiftet haben, mit einer Mischung aus Bärengalle und Arsen mit der Bezeichnung Cantarella. 1503 will er den Kardinal Adriano Castello beseitigen, doch der Diener hat was vertauscht. Er stirbt einige Tage später unter Qualen.

1506 liess Julius II. in der Schweiz eine persönliche Schutztruppe anwerben, nachdem er die Romagna, Parma und Piacenza dem Kirchenstaat einverleibt hatte. Er liess den konstantinischen Petersdom abreissen und begann 1503 mit dem Neubau. Zur Finanzierung wurde der Petersablass ausgegeben, hochspekulative Papiere und mit ein Auslöser der Reformation. In der Kapelle Luthernbad hängt ein solcher Ablass. Michelangelo wurde aus Florenz abgeworben für die Decke der Sixtinische Kapelle. Raffael bemalte die Stanzen.

Von 1523 bis 1978 gab es ausschliesslich italienische Päpste.

Die Katholiken unterlagen in vielen Disputationen den Reformierten, so dass die Kirche nun in Priesterseminare investierte. 1534 gründete Ignatius von Loyola den Jesuitenorgen, als päpstlich-intellektuelle Vormacht.

Beim Sacco di Roma 1527 starben 147 der 189 Schweizer Gardisten, damit Clemens VII. in die Engelsburg fliehen konnte.

Im Mittelalter war es nicht üblich, dass ein Papst theologische Lehrschreiben verfasste, erst 1740 erschien die erste Enzyklika. Sie tragen als Titel die lateinischen Anfangsworte (Incipit).

Als Reaktion auf die Reformation intensivierte Gregor IX. die Inquisition, ab 1252 mit Folter. Die Inquisitoren waren meist Dominikaner. Verurteilte wurden der weltlichen Gewalt zur Vollstreckung des Urteils übergeben. Höchststrafe: öffentliche Verbrennung. Etwa 25’000 etwas anders Gläubige wurden hingerichtet. Auf Bitten der spanischen Krone begründete Sixtus IV. die spanische Inquisition, Paul III. schuf 1524 die römische Inquisition zur Bekämpfung reformatorischer Tendenzen. Den sechs Kardinälen und Generalinquisitoren stand der Grossinquisitor vor. 1908 wurde diese Behörde in Heiliges Offizium umbenannt, 1965 in Kongregation für die Glaubenslehre.

Paul IV., ehemaliger Grossinquisitor, schuf 1559 den Index verbotener Bücher: Die Lektüre war für Katholiken bei Androhung der Exkommunikation verboten. Alle Bibeln ausser der Vulgate standen auf dem Index. Heliozentritsche Schriften z.B. von Galileo Galilei waren verboten. Paul IV. zwang die römischen Juden in ein Ghetto, das nachts von aussen verschlossen wurde. Die Juden mussten ein Kennzeichen tragen. Nach seinem Tod brannte das Volk den Inquisitionspalast samt Folterkammern nieder.

Gregor XIII. (1572-1585) baute am Belvederehof einen „Turm der Winde“, eigentlich ein Observatorium des irdischen Himmels. Er hatte die konziliarische Sendung, den Heiligenkalender neu aufzulegen. Mit zwei römischen Astrologen schuf er 1582 den gregorianischen Kalender. In diesem Jahr folgte auf den 4. Oktober gleich der 15. Er verkündete, dass die Schalttage bei einem Jahrhundertwechsel ausfallen, ausser die Jahreszahl lässt sich durch 400 teilen. Die protestantischen Staaten taten sich schwer mit dem neuen Kalender, orthodoxe und koptische Kirchen halten bis heute am julianischen Kalender fest. Zur Ausbildung der Jesuiten schuf der Papst das Collegio Romano, aus dem die spätere Universität Gregoriana hervorging. Bis ins 19. Jahrhundert wurden auch mathematische und naturwissenschaftliche Forschung betrieben. Noch heute durch Jesuiten geführt, ca. 1’500 Studenten.

Als Bibelgelehrter und einer von nur zwei nicht-adligen Päpsten zwischen 1500 und 1903 arbeitet Sixtus V. (1580-1590) an einer Neuedition der Vulgate mit. Er hat die Kurie zur modernen kirchlichen Zentralregierung ausgebaut. Rom zählte damals ca. 100’000 Einwohner, der Kirchenstaat ca. 1,5 Mio. Er liess die antike Wasserleitung aus den Sabiner Bergen erneuern und schuf auf dem Quirinal den Moses-Brunnen. In technischer Hinsicht eine Meisterleistung war 1586 die Umsetzung des ägyptischen Obelisken aus dem Nero-Zirkus in die Mitte des Petersplatzes. Der 25 Meter hohe Stein wiegt etwa 320 Tonnen. Petrus soll 64 n. Chr. dort gekreuzigt worden sein. Die Kolonnaden um den Petersplatz sind 143 überlebensgrosse Heiliugenstatuen – grosses Barocktheater. Der päpstliche Plan, das Kolosseum zu einem Wohn- und Geschäftskomplex umzunutzen, wurde erst von Sibylle Berg in ihrem postkapitalistischen Roman Bella Vita umgesetzt.

Zwischen 1590 und 1903 wurden die Herzen der Päpste in der Herzgruft beim Trevibrunnen eingelagert. Das 17. und 18. Jahrhundert haben unter den Päpsten keinen einzigen bedeutenden Theologen hervorgebracht, kein einziger wurde heiliggesprochen. In der Fastenzeit 1770 hörte der vierzehnjährige Mozart in der Sixtina das Miserere von Gregorio Allegri, deren Noten geheimgehalten wurden. Zu Hause schrieb der Jüngling die Noten nieder. Clemens XIV. hob den Jesuitenorden auf, nachdem sich neben den bourbonischen Höfen auch Maria Theresia von der Gesellschaft abrückte. Der Wiener Kongress restaurierte ihn später wieder.

Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August 1789 wurde von der Mehrzahl der französischen Geistlichen mitgetragen, doch die Abschaffung des Zehnten und die Verstaatlichung von Kirchengütern führten zur Verurteilung g der neuen Ordnung durch Pius VI. Napoleon eroberte Oberitalien, der Kirchenstaat verlor Ravenna, Bologna und Ferrara. Napoleon verschleppte den greisen Papst, der als Pius der letzte verspottet wurde, nach Frankreich, wo er kurz darauf verstarb. Die wertvollsten Kunstwerke waren mit nach Paris. Im Jahr 1800 wurde in Venedig Pius VII. gewählt, der 1804 Gast bei der Kaiserkrönung in Paris war. Doch die Krone setzte sich Napoleon selber auf. 1808 besetzte er Rom, annektierte den Kirchenstaat und setzte den Papst wieder in Gefangenschaft – erst 1814 konnte er nach Rom zurück. Der Wiener Kongress stellte den Kirchenstaat wieder her, allerdings ohne die französischen Besitzungen.

Nach dem Wiener Kongress waren die Päpste ein halbes Jahrhundert lang reaktionär und Intransigenz; sie verurteilten Gewissens- und Religionsfreiheit und bekämpften die Trennung von Kirche und Staat. Pius IX., mit jungen 54 Jahren 1846 gewählt, blieb mit über 32 Jahren am längsten im Amt. Die italienische Einigungsbewegung um Guiseppe Mazzini wandte sich vor allem gegen die österreichische Vorherrschaft in der Lombardei und buhlte um den Papst. Doch dieser wollte neutral bleiben, so dass er nach Sizilien fliehen musste. Nur unter dem Schutz ausländischer Truppen konnte er 1850 wieder nach Rom. 1861 wurde Viktor Emmanuel italienischer König. Nach Abzug der französischen Schutztruppen eroberte er 1870 Rom. Der Papst fand sich wieder als Gefangener im Vatikan – das sollte bis 1929 so bleiben. Pius IX. erliess das Dogma der unbefleckten Empfängnis, setzte die päpstliche Unfehlbarkeit durch und Verbot den Katholiken die Teilnahme an Wahlen. Die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel wurde erst 1950 dogmatisiert.

Auf ihn folgte mit Leo XIII. (1878-1903) das Gegenteil, ein internationaler Vermittler und Sozialethiker. Kein neuzeitlicher Papst war so populär wie er, der mit 93 Jahren im Amt verstarb. Er gab Zeitungsinterviews und öffnete das vatikanische Archiv für die Forschung (noch immer gilt eine Sperrfrist von 70 Jahren). 1903-1914 folgte Pius X., ein entschiedener Antimodernist. Dann Benedikt XV: gilt als Friedenspapst, weil er sich entschieden gegen den 1. Weltkrieg aussprach und sich politisch nicht vereinnahmen liess.

Pius XI. handelte mit Mussolini die Lateranverträge aus, so dass wieder ein Kirchenstaat entstand, mit knapp einem halben Quadratkilometer Fläche, in Form einer Wahlmonarchie.

Pius XII. bekam den Beinamen Schweigepapst, weil er selbst zum deutschen Angriff auf das katholische Polen den Mund nicht aufmachte. Rolf Hochhuth hat ihn im Stück Der Stellvertreter später gepiesackt. 1942 verurteilte der Antikommunist zwar die deutsche Mörderei, vermied aber das Wort Jude.

Sein Nachfolger Johannes XXIII. eröffnete am 11. Oktober das 2. Vatikanische Konzil mit 2’500 Bischöfen aus der ganzen Welt. Verlas am Radio einen Appell zur Kubakrise. Wurde in der Prawda abgedruckt. Empfing Chruschtschow Tochter. Kurz vor seinem Tod am 3.6.1963 veröffentlichte er eine Friedensenzyklika, in der erstmals Religions- und Gewissensfreiheit gewürdigt wurden.

Das Konzil wurde durch Paul VI. weitergeführt. Er bremste die Reformer durch zahlreiche sprachliche Abschwächungen aus, doch Erzbischof Marcel Lefebvre und seine konservative Bewegung lehnten die reformierte Liturgie, die Aussöhnung mit den Juden, Kollegialität des Konzils, Religionsfreiheit und Ökumene strikt ab und formierte die Piusbruderschaft. Pius X. wurde 1954 von Pius XII. heiliggesprochen, sein Gedenktag ist der 21. August. Paul VI. behielt sich während der Konzilsberatungen die Entscheidung betreffend Zölibat und Empfängnisverhütung vor, obwohl eine päpstliche Untersuchungskommission sie unter bestimmten Umständen als zulässig befand. Darauf folgte eine Welle von Amtsverzichtungen, die Laisierung erreichte auch den Abt in Einsiedeln. Paul VI. verzichtete auf die Tiara und liess sein persönliches Exemplar versteigern zu Gunsten der Armen. 1970 wurden ökumenische Trauungen möglich.

1978 war Johannes Paul gerade mal 33 Tage im Amt, bevor er an einem Herzinfarkt verstarb. Sein Nachfolger Johannes Paul II., Wojtyla, der erste Nichtitaliener seit 445 Jahren blieb, bis 2005 im Amt. Er wird als Grosser gehandelt, weil er zum Fall des Kommunismus massgeblich beigetragen habe. Mit 482 Heiligsprechungen hält er eine Rekordmarke. 1979 bereiste er mit Triumph sein Heimatland Polen. 1981 beging ein Türke ein Attentat auf ihn, angeblich im Auftrag des Kreml. 2005-2013 amtete dann Ratzinger als Benedikt XIV. Auf ihn folgte der Jesuit Franziskus, der schätzungsweise 150 Mio neue Katholiken rekrutierte. Der heutige Papst Leo XIV. hat als Augustinermönch am 22. Oktober 1983 in Rom gegen die Stationierung von NATO-Raketen in Europa demonstriert, ich in Bern. Im April rief er in Assisi die Jugend zum waffenfreien und entwaffnenden Frieden auf.

Die Grosse Kommodifizierung

Das muss ein Muss sein. Der katholische think tank Paulus Akademie lädt zu einem sechsteiligen Leseseminar im Zweiwochenrythmus. Ich habe das Buch vorab gelesen: Sven Beckert: Kapitalismus – Geschichte einer Weltrevolution. Die letzte Seitenzahl: 1279. Die Küchenwaage zeigt 1369 Gramm an. Das wird ein wenig länger werden.

Leider bietet das Monumentalwerk neben einem Verzeichnis der Abkürzungen, Anmerkungen mit Quellenbelegen nur noch ein Personen- und Ortsregister. Ein Stichwort- und Begriffsregister, gerne mit Definitionen, fehlt leider. Obwohl deutscher Muttersprache bedient er sich einer anglifizierten Sprache. So spricht er von Developmentisten und konsequent von Kommodifizierung anstelle von Kommerzialisierung. Sein Begriffsystem ist nicht systematisch, sondern anekdotisch mit Meinungsführern belegt. Auch die chronologische Ordnung zerfällt, weil oft der gleiche Zeitraum zweimal von sich überschneidenden Standpunkten aus beschrieben wird. Wir lesen in einer datenanalytischen Auslegeordnung.

Aber wir finden viele eindrückliche Episoden und Details aus der langen Geschichte des Kapitalismus. Das Abkürzungverzeichnis gibt preis, in welchen Archiven sich der Geschichtsprofessor vom dortigen Archivar die Leckerbissen vorführen liess: Indianerarchiv Sevilla, Überseearchiv Aix en Provence, Senegal, Barbados, Glasgow, Fiat-Geschichtszentrum Turin, Stadtarchiv Völklingen zum Beispiel. Verschiedene Stiftungsgelder ermöglichten die historischen Ausflüge.

Richtig los ging es mit den spektakulären Entdeckungen der europäischen Seefahrer. Genuesisches Kapital und portugiesische Staatsmacht bauten in den 1470er-Jahren in Elmina im heutigen Ghana, damals „Goldküste“, das erste von hunderten Forts an der afrikanischen Westküste. Von dort transportierte man nicht nur Gold ab, sondern auch Sklaven. Etwa zur gleichen Zeit entdeckte man die unbewohnten Kapverden, wo man Zucker- und Baumwollplantagen betreiben konnte. Jährlich kamen rund 1000 Sklaven auf die Insel. Nachdem die Spanier in Amerika gelandet waren, entstanden schnell neue kapitalistische Brennpunkte, so Potosi im heutigen Bolivien, wo auf 3600 m.ü.M. Silber gefördert wurde: mit 160’000 Einwohnern grösser als London. Alljährlich kamen bis zu 50’000 Zwangsarbeiter. Der durch diese Silberminen gedeckte Peso wurde im 16. Jh. zur Universalwährung und löste den arabischen Dinar ab.

Im Jahr 1600 wurde die englische Ost-Indien Kompanie gegründet, kurz danach die niederländische Konkurrenzorganisation. Diese privaten Gesellschaften erhielten von ihren Staaten das Recht, Forts zu errichten, Armeen zu unterhalten und Verträge mit asiatischen Herrschern abzuschliessen. Die Kapitalgesellschaften schütteten jährliche Dividendenzahlungen von bis über 50% aus. Die Anteilscheine wurden ab 1602 an der Amsterdamer Börse gehandelt. Die monströsen Renditen beruhten auf Versklavung und brutalster Ausbeutung. Beckert bezeichnet diese Phase als Kriegskapitalismus. Die Grösse der europäischen Armeen verzehnfachte sich in der Zeit von 1500 bis 1700. In Europa herrschte fast ununterbrochen Krieg.

Beckert besucht die Orte spektakulärer Kapitalinseln. Besonders eindrückliche Episoden finden an unterschiedlichsten Orten statt. Saint-Domingue, das heutige Haiti, bot Plantagenfabrikation im industriellen Ausmass. Zur Zeit der französischen Revolution schufteten dort fast eine halbe Million schwarze Sklaven unter der Herrschaft einigen tausend Weisser. Sklavenaufstände in der Karibik und anderswo wurden mit grausamer Brutalität niedergeschlagen. Rum aus Zuckerrohr lieferte um 1800 ein Viertel aller Kalorien, die ein Erwachsener im britischen Teil Nordamerikas zu sich nahm. Nach der Revolution in Haiti wurde Kuba zum Hauptlieferanten von Zucker. Der Onkel des Zürcher Industrie- und Kapitalpioniers Alfred Escher betrieb auf Kuba eine Kaffeeplantage. In der englischen Hafenstadt Bristol begann Joseph Fry 1760 mit der Schokoladenherstellung und legte den Grundstein für sein Imperium.

Alexander von Humboldt nahm auf seinen Reisen durch Südamerika Proben von Guano, getrocknete Scheisse von Tölpeln und Kormoranen, mit nach Hause und bestätigte die hervorragende Düngewirkung, die schon die Inkas genutzt hatten. 1841 vergab der hochverschuldete Staat Peru die Nutzungsrechte an Engländer. Ein Vierteljahrhundert lang brachte dieser Vertrag 80% der peruanischen Staatseinnahmen ein. Die Scheissarbeit verrichteten Gefangene, Vagabunden und chinesische Kulis. Die Unternehmer verkauften Opium an die Arbeiter.

Rund ein Drittel der Sklavenhandelsgesellschaft Compagnie des Indes in Nantes war in Schweizer Besitz. Schweizer Kaufleute waren an der Verschleppung von rund 200’000 Sklaven beteiligt. Es gibt Belege von 334 Schweizer Bürgern und Institutionen, die am Sklavenhandel beteiligt waren. Sogenannte Trockenwechsel, bei denen der Kreditzins im Wechselpapier versteckt war, halfen religiös motivierte Zinsverbote zu umgehen, so dass katholische Kaufleute in den italienischen Stadtstaaten Sätze wie „Im Namen Gottes und des Profits“ in ihre Hauptbücher schreiben konnten. Gleichzeitig begannen Theologen wie Johannes Eck, zwischen legitimen Zinsen (bis 5%) und unrechtmässigem Wucher zu unterscheiden, so wie es noch heute in der schweizerischen Gesetzgebung tut.

Im 18. Jahrhundert landeten zwei Drittel des durch brasilianische Sklavenarbeit geschürften Goldes in London und bildete die Grundlage für den Goldstandard, der das britische Pfund und die Finanzinstitute stützte.

Im Jahr 1835 nahm die britische Regierung einen Kredit von 20 Millionen Pfund auf dem Kapitalmarkt auf (damals 40% des Staatsbudgets) um Sklavenhalter für die Freilassung zu entschädigen. Die letzte Tranche zahlte der Staat 2015 zurück. 1848 führten die Aufstände in Martinique und Paris zur Abschaffung der Sklaverei in Frankreich. Auf La Réunion arbeiteten zu dieser Zeit 48’761 Sklaven. Ein französischer Kolonialbeamter schätzte ihren Wert auf 76’488’942,68 Francs. Nun folgte das Regime der Vertragsknechtschaft, welche sich nur juristisch von der Sklaverei unterschied. Die kapitalistischen Sklavenhalter profitierten doppelt vom Verbot der Sklaverei: Sie erhielten eine Entschädigung für etwas, das sie nichts gekostet hatte. Und sie erhielten Zinsen für das Geld, das sie dem Staat liehen, um die Entschädigungen auszurichten.

Nachdem Schottland im Jahr 1707 durch den Union act mit England zum Königreich Grossbritannien wurde, nahm die Baumwollverarbeitung stark zu. 1778 wurde die erste industrielle Baumwollspinnerei eröffnet, mit Wasserkraft betrieben. Um die Jahrhundertwende fand James Watts Dampfmaschine in die Textilverarbeitungsindustrie. Die Spinnig Jenny und die Spinnig Mule skalierten die Produktion. Die feudalen Bodenbesitzer spielten den Fabrikanten zu. Durch Enclousures, Einhegungen von Allmenden, sollte die Bodenrendite gesteigert werden und hinterliess verarmte Bauern, die als Proletarier in Fabrikarbeit gingen, meist im Stücklohn – ohne Risiko für die Fabrikbesitzer. Vor allem Kinder und Frauen wurden in die Fabriken geschickt, um die Familiensubsistenzwirtschaft zu ergänzen. Die Fluktuation war so gross, dass 1823 im Master and Servant Act das nicht vertragsmässige verlassen des Arbeitsplatzes kriminalisiert wurde. In den 1830er-Jahren gingen die Gewinne durch die enorme Konkurrenz zurück. Nun kam die Phase der Schwerindustrie mit Kohlebergwerken und Eisenhütten, gefolgt von der Eisenbahn- und Maschinenbauindustrie. Die ersten Passagier-Züge verkehrten ab 1830 zwischen dem Baumwollhafen Liverpool und der Textilstadt Manchester. Die Briten waren den Kontinentaleuropäern eine gute Generation voraus.

Das kommunistische Manifest verkaufte sich schätzungsweise 500 Millionen mal. Nach Beckert ist das die Grössenordnung von Bibel, Koran und Ikea-Katalog.

1873 Börsencrash in Wien, Wirtschaftskrise, Deflation. Die Europäer eroberten in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhundert Landflächen auf den anderen Kontinenten, welche zusammen der achtfachen Fläche Europas entsprachen. Schnellfeuerwaffen machten das möglich. „Gottlose Mörder!“ riefen Gotthardtunnel-Arbeiter, wenn sich die Kapitalisten und ihre Knechte zeigen liessen.

Doch die Gewerkschaften und sozialdemokratischen Parteien legten so zu, dass 1919 Sozialisten aller Couleur an den Regierungen Deutschlands, Russlands, Schwedens, Dänemark, Ungarn, Italien, Australien, Serbien, Kroatien und Slowenien beteiligt waren. Und die Arbeiterbewegung schuf mit Genossenschaften postkapitalistische Inseln, Beckert bezeichnet dies als Entkommodifizierung.

Deutschland gewann nach dem Sieg über Frankreich 1871 neue kohlen- und eisenreiche Gebiete hinzu. Die Röchlings in Völklingen bauten ihr Imperium aus. 1890 war die Völklinger Hütte zum grössten Eisenträgerproduzenten im Deutschen Reich geworden. Die Stahlproduktion verzehnfachte sich zwischen 1881 und 1908. Rationalisierung wurde zum Schlagwort. Als Hermann Röchling das Familienunternehmen übernahm erliess er 1904 Arbeitsvorschriften, die in 51 Artikeln das Verhalten der gesamten Belegschaft mit militärischer Präzision festschrieb. Bis 1918 dauerte der normale Arbeitstag 12 Stunden, an sechs Tagen. Doch auch Röchlings schufen eine Krankenkasse und Wohnraum, um die Belegschaft stärker zu binden. In Völklingen gab es pro 179 Einwohner eine Kneipe und Röchling versuchte es mit Abstinenzprämien. Schliesslich schenkte das Unternehmen in den Pausen selbst Bier aus. Die Röchlings waren begeisterte Nationalisten und Militaristen und jubelten, als der erste Weltkrieg ausbrach. Sie produzierten Granaten, Maschinengewehrteile, Flugzeugpanzerungen und stellten 80% aller Stahlhelme her. Die Röchlings nahmen die französischen Teile Lothringens ins Visier, das Kernland jener Region, auf die 45% der gesamten europäischen Eisenerzförderung entfielen. Röchlings informierten die Regierung mit detaillierten Plänen über die Ausweitung des deutschen Reichs. Hermanns Bruder Louis Röchling sass im Beirat des Reichskommissars für Stahl- und Kriegswirtschaft. Kapital- und Staatsmacht Hand in Hand am Gewaltmonopol. Louis konnte seinem Bruder 1916 600 russische Kriegsgefangene als Gratis-Zwangsarbeiter schicken lassen. In den von den Deutschen besetzten französischen Stahlregionen demontierten sie kurzerhand Maschinen und transportierten sie nach Völklingen. Doch sie verloren schliesslich auch Gebiete, die 1871 annektiert worden waren und wurden nach Kriegsende vor Gericht gestellt. Robert und Hermann wurden zu 10 Jahren Gefängnis und einer hohen Geldzahlung verurteilt. Hermann konnte fliehen, Robert sass seine Strafe ab. Das Vichy-Regime hob das Urteil 1942 auf. Bei den Krupps im Ruhrgebiet bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte und forderten die Verstaatlichung des Kohlebergbau und der Eisenindustrie. Sie wurden von Polizei und Militär niedergeschossen. Röchling war überzeugt, dass keine Demokratie dem Bolschewismus widerstehen könne und plädierte 1935 „FÜR DEN FÜHRER!“. 1940 ernannte der Göring Hermann den Röchling Hermann zum Mitglied des höchsten Verwaltungsorgans der deutschen Kriegsproduktion: Rüstungsrat. Und wiederum wurden Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit eingesetzt, zum Teil über die Hälfte der Belegschaften. Hermann Röchling wurde schliesslich von den Amerikanern verhaftet und den Franzosen ausgeliefert. 1949 wurde er als Kriegsverbrecher zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, nach zwei Jahren aber aus gesundheitlichen Gründen entlassen.

Giovanni Agnelli lies in Lingotto 1916-1923 die grösste europäische Automobilfabrik bauen, ganz nach dem Vorbild von Henry Ford. Der hatte die Produktionszeit eines Automobils von zwölfeinhalb Stunden dank Fliessbändern auf 93 Minuten verkürzt. Fiat erreichte einen Marktanteil von 80%. Die im Taylorismus unverzichtbare Akkordarbeit war hinfällig geworden. Den Arbeitstakt gaben Maschinen vor.

Im Herbst 1929 brach die Wirtschaft zusammen, die schwerste Krise bekam den Namen Depression. In drei Jahren sank die Weltproduktion um 37,3%. Die Arbeitslosenquote in Deutschland stieg auf über 40%. Länder konnten ihre Schulden nicht mehr bedienen und wurden zahlungsunfähig. So auch Deutschland 1933. Der Goldstandard musste aufgegeben werden. George Orwell beobachtet 1936, wie sich arme Familien die notwendigen Kalorien beschafften: 4 kg Zucker pro Woche.

Aus der Krise entstand fast überall ein staatlich gelenkter Wirtschafsnationalismus, um möglichst grosse Selbstversorgung zu erreichen. Auch Hjalmar Schacht, der 1933 Hitlers Reichsbankpräsident wurde, befürwortete eine Entkoppelung von der Weltwirtschaft – und die Unterwerfung Osteuropas. 1936 richteten die Nazis eine Vierjahresplanbehörde ein. Angesichts des augenscheinlichen Erfolges der Sowjetwirtschaft, die von der vermeintlichen Weltwirtschaftskrise nicht betroffen war, erarbeiteten viele Regierungen Drei-, Vier-, Fünf- oder Sechsjahrespläne für die Wirtschaftsentwicklung. Mussolini schwärmte von Eurafrika. Das Mittelmeer sollte teilweise trockengelegt werden. Doch Hitler wollte nach Osten, wie seinerzeit die Amerikaner nach Westen, bezeichnete die Wolga als Deutschlands Mississippi und setzte die Russen den Indianern gleich. In den USA entstand mit Einbezug von Gewerkschaftsvertretern der New Deal. 1936 veröffentliche Keynes seine Beschäftigung, Geld- und Zinstheorie und legte damit die Grundlage für die Rechtfertigung staatlicher Verschuldung. Hilfsmassnahmen und soziale Sicherungsmassnahmen wurden nun durch Deficit-Spending finanziert, begleitet von progressiver Besteuerung.

Die klassische Volkswirtschaftslehre betrachtete den Warenwert als objektive Tatsache, der durch den Produktionsaufwand bestimmt wurde. Nun stellten die Marginalisten dem die Lehre vom Grenznutzen entgegen, der den Maximalnutzen für Produzenten wie Konsumenten an das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage band. Damit trat die Mathematik ihren Siegeszug in der Wirtschaftswissenschaft an.

Nach dem zweiten Weltkrieg war noch immer ein Drittel der weltweiten Landmasse kolonialverwaltet, ein Drittel der Weltbevölkerung lebten unter Kolonialherrschaft. Bis 1980 wurden praktisch alle Kolonien unabhängig. Auch in diesen dekolonialisierten Gebieten herrschte nationale Planwirtschaft vor, man sprach von globalem New Deal und Developmentismus. Diese Entwicklung erreichte in den frühen 1960er-Jahren ihren Höhepunkt, in der Chruschtschow-Ära. Die Planwirtschaft und eine staatszentrierte Wirtschaftsentwicklung waren auch in der Kolonialzeit verwurzelt. Nach dem zweiten Weltkrieg entstanden aber auch „Inseln des Postkapitalismus“, meist mit Unterstützung der Sowjetunion: Vietnam, China, Kuba, Mosambik, Algerien, Tansania, Angola, Benin, Kongo, Kampachea, Laos, Korea. 1975 lebten mehr als ein Drittel aller Menschen in „postkapitalistischen“ Systemen.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatten in Westeuropa die reichsten 10% der Bevölkerung über 90% des Privateigentums verfügt, 1980 war dieser Anteil gegen 50% gesunken. Die Spitzensteuersätze blieben auch nach dem zweiten Weltkrieg relativ hoch. Die radikalste Massnahme in der Nachkriegsordnung war die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien. Rund ein Drittel der Industrieproduktion kamen unter staatliche Kontrolle. Doch mit der durch die erdölfördernden Länder der OPEC inszenierten Preiserhöhungen gerieten viele Unternehmen unter grossen Druck. 1974 und 1975 schrumpfte die amerikanische Wirtschaft. Der Vietnamkrieg wurde durch Staatsanleihen finanziert. Ab 1976 verzeichneten die USA regelmässig Handelsdefizite. Die expansive Geld- und Finanzpolitik verursache eine globale Dollarschwemme, die immer weniger durch Goldreserven gedeckt war. Das System von Bretton Woods ging unter. Nixon hob 1971 die Goldkonvertibilität des Dollars auf. Nun stieg der Neoliberalismus einer deregulierten globalen Marktwirtschaft auf. Inflation und Arbeitslosigkeit stiegen wieder: Stagflation. Anfang 80er waren einige Staaten nicht mehr in der Lage, ihre Schuldzinsen zu leisten. Wenn sie neue Mittel durch den IWF erhielten, wurden diese mit Auflagen zur Privatisierung staatlicher Industrien verbunden.

Chile war der Vorreiter des Neoliberalismus, nachdem im September 1973 Pinochet die Macht an sich riss (Beckert nennt ihn wenig passend Lenin des Neoliberalismus). Friedrich Hayek, Milton Friedmann und Ludwig von Mises wurden zu den Ideologen des Thatcherismus, der die Errungenschaften der Gewerkschaften und des Sozialstaates zertrümmerte und die Umverteilung von unten nach oben befeuerte. Die globale wirtschaftliche Integration führte zu neoliberalen Sonderwirtschaftszonen, auch in China. Ähnlich wie konservative Kräfte in Europa und den USA in den 1940er, 1950er und 1960er Jahren zentrale Grundsätze des keynesianischen Goldenen Zeitalters übernommen hatten, übernahm nun die Sozialdemokratie zentrale Prinzipien des Neoliberalismus. Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder hielten neoliberalen Kurs. 1990 verkaufte der Deutsche Gewerkschaftsbund seine 320’000 Wohnungen! Deregulierung und Privatisierung überall. Weltbank und IWF drängten auf Strukturanpassungsprogramme in der postkolonialen Welt.

Die schlimmste Wirtschaftskrise seit der Grossen Depression wurde durch den Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes 2008 ausgelöst. Der Staat rettete einmal mehr den Kapitalismus. Auch die UBS bekam Staatshilfe. Schweizer schliefen im Jahr 2011 im Schnitt 40 Minuten weniger als im Jahr 1983 (leider ohne Quellenangabe. Was machten sie in der zusätzlichen Wachzeit?). Im Jahr 2022 besassen die 500 reichsten Menschen genausoviel wie die ärmere Hälfte der Menschheit.

Beckert lehrt an der Harvard University. Sie wurde 1636 von wohlhabenden Bostoner Bürgern gegründet. 1908 wurde die Harvard Business School eröffnet, die erste betriebswirtschaftliche Ausbildungsstätte für das Managementpersonal der Kapital- und Unternehmenseigner. Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, warum Beckert jede politische, moralische oder ethische Wertung aus seinen Beschreibungen heraushalten will, obwohl das Berichtete eine unverzeihliche Kriminalgeschichte ist.

Beckert rühmt sich, die bisherige eurozentristische Sicht zu überwinden, indem er nicht – wie Marx – den englischen Industriekapitalismus ins Zentrum stellt, sondern die Anfänge des Kapitalismus in hochmittelalterlichen Handelszentren in Jemen, Kairo, Indien und und China ausmacht. Er bezeichnet diese lokalen Kapitalanhäufungen als Inseln, die – staatlich unterstützt – langsam zum globalen System zusammenwachsen. Liberale und Libertäre begrüssen diese Geschichtsschreibung, weil sie eine unpolitische Sicht auf die Entwicklung der Wirtschaft, der Wirtschaftspolitik und der Wirtschaftswissenschaft darbietet und somit die Chance verspricht, die politischen Gräben, die zu riesigen Verwerfungen führten, vergessen zu machen.

Der Antagonismus zwischen Markt- und Planwirtschaft ist längst verschwunden, auch im heutigen Höchstkapitalismus mit Klimakrise, Kryptowirtschaft, gain of function, Hyperscaling und Drohnenkriegen versuchen die Staaten, mit Plänem den Weg in die Zukunft zu gestalten. Der renditegetriebene Markt muss besser geplant werden, die verheerenden Ungleichheiten müssen politisch eingeebnet werden. Das Primat der Politik gegenüber der Ökonomie bleibt mehrheitsfähig. Vielleicht ringen sich die junge Linke und die Milchjugend zu einer Initiative zur Begrenzung eines Schweizer Höchstlohnes durch: Die höchsten Löhne sollten unseren höchsten politischen Vertretern, dem Bundesrat, vorbehalten sein. La bella vita. Aber darüber später mehr. Das nächste mal geht es um grosse und kleinere Päpste.