Die Wüste und ihr Samen

Eigenartig, dieser Buchtitel. Die Saat des Wüsten geht auf. Und stirbt ab. El desierto y su semilla von Jorge Barón Biza erschien als einziges Werk des Autors 1998 in argentinischem Spanisch, letztes Jahr in deutscher Übersetzung in der Bibliothek Suhrkamp. In seinem Lebenswerk beschreibt er sein Leben. Die Autofiktion beschreibt die Wiederkehr des unpersönlichen, aber personalisierten Bösen, die Unmöglichkeit bedingungsloser Liebe und die Schwäche Gottes. Es ist seine Autobiographie in schwarzer Fiktion.

Das ist keine Kaufempfehlung. Es genügt vollauf, diesen Text hier zu lesen.

Die biographischen Fakten stehen auch im literarischen Zentrum: Der Vater heiratete mit achtunddreissig Jahren die zwanzig Jahre jüngere Mutter, und nach gut zwanzigjähriger On-/off-Ehe (sie haben nie im gemeinsamen Haus zusammengewohnt) eskaliert die Familientragödie. 1964 treffen sich die Eltern mit einem Anwalt im gemeinsamen Haus, in Anwesenheit von Jorge (geboren 1942) um die Scheidungspapiere zu unterzeichnen. Nachdem die Mutter unterschrieben hat und aufsteht, schüttet ihr der Vater ein Glas Säure ins Gesicht. Der Teppich bleibt unbefleckt.

Sie wird hospitalisiert und unterzieht sich zwei Jahre lang gesichtschirurgischer Eingriffe inklusive Gewebetransplantationen. Jorge begleitet sie. Der Vater erschiesst sich kurz nach der Tat. „Einer der Gründe für seinen Selbstmord war gewiss auch die Absicht, Gott eins auszuwischen, indem er ihm zeigte, wie sehr er mit Arón Gageac gescheitert war.“ Der grösste Teil des Besuches handelt von Jorges Beobachtungen des Gesichtes der Mutter in einer römischen Klinik und seinen nächtlichen Alkohlexzessen, zusammen mit einer Hure. Mutter und Sohn spüren Zuneigung zueinander. Dann und wann halten sie sich mit gefalteter Hand, sprechen aber kein Wort über ihr Innenleben. Er liest ihr täglich vor, manchmal wünscht sie sich bestimmte Zeitungsartikel, meist über gesellschaftliche und politische Geschehnisse in ihrer Heimat. „Die Geschäftigkeit des Chaos greift um sich“ stellt der Erzähler fest, als die medizinischen Eingriffe im Gesicht der Mutter beginnen. „Ich begriff, dass die Illusion der Metaphern für mich gestorben war“, nach dem Satz: Die Verwandlung von Fleisch in Felsen überdeckte die strahlenden Farben.

Die Krankenschwestern bewundern seine aufopfernde Mutterliebe. Sie laden ihn zum Schlemmen mit Trinkgelage. Mit einer wird er danach intim, ohne bestimmte Emotion. Nachts zieht es ihn zum Alkoholexzess in die billige Bar, eine Kontaktbar. Dort wird er von Dina um die Kosten für Essen und viele Flaschen erleichtert, aber nachher als Freund und Begleiter akzeptiert. Sie nimmt ihn öfter mit, wenn sie zu einem zahlungskräftigen Freier geht. Manchmal macht er mit beim Schmuddelsex, ohne irgendwelche Emotionen. „Du musst fokussieren und deinen Verstand zu einem Reflektorschirm deiner Seele machen“ sagt Dina zum Erzähler, aber sein Schirm reflektiert nur die Aussenwelt und bricht sie.

Als die Ärzte endlich die Rückreise in die südamerikanische Heimat erlauben, verabschiedet sich Jorge von seiner Dina, indem er ihr beide Wangen aufschlitzt. Ich hoffe, dass dieser gewalttätige Fatalismus zum fiktionalen Teil der Autobiographie zählt.

Seine Mutter springt 1978 aus dem Fenster, als sie die Rückkehr in die alte Rolle definitiv nicht schafft. Jorges jüngere Schwester geht 1988 mit einer Überdosis Barbiturate aus dem Leben, Jorge selbst springt 2001 aus dem Fenster in den Tod. Er springt aus dem zwölften Stockwerk seines Wohnhauses, die Leiche bleibt am Balkon der zweiten Etage hängen. Im Nachwort des Buches wird erwogen, ob das Buch seinen Suizid vorausahnen lassen würde. Nicht so pedantisch-realitätsscharf wie Hermann Burgers tractatus logico-suizidalis, aber ebenso hoffnungslos auf Abwegen verloren. Barón ist wie Burger Literat und Literaturwissenschafter, erhält aber wegen fehlendem akademischen Abschluss zeitlebens nie eine existenzsichernde Festanstellung.

Der brutale Angriff auf seine Mutter lässt den Erzähler in seiner antipathischen oder ekpathischen Distanziertheit, er schreibt als unbeteiligter Beobachter, objektiviert alle und alles. „Sie (die Mutter) war so intelligent, dem Schmerz keine reflexive oder existentielle Konnotation anzudichten.“ Er nimmt auch Distanz zu sich selbst, seine Selbstbeschreibungen sind Selbstobjektivierungen. So kommt er zum Schluss, dass „das Böse keine Angelegenheit des Willens war; dass es den Menschen traf unter den gleichen Bedingungen, wie es sich in der Natur ereignete: ungewollt, absolut und subjektlos, wie in den Gesteinswüsten.“

Der gewalttätige Vater, Autor von Schmuddel-Erotik, taucht nochmals auf, weil ein unbekannter junger Akademiker auf dessen Nachforschungen Jorge kontaktiert, und die Objektiviererei betreibt wie ein Teufelsaustreiber. „Der Erzähler in Arón Gageacs Romanen ist lediglich ein weiteres Textobjekt, das als Subjektreferenz des Schreibens fungiert.“ Heute wird Arón Gageac im Internet der LGBTQ-Literatur zugerechnet. Das Schreiben selbst wird unpersönlich. Es ist das Scheitern der grossen Diskurse und der universellen Vernunft der Aufklärung, nihilistischer Nebel steigt auf. Zum Schluss die finale Verneinung. Auf die Bemerkung des jungen Forschers, dass Jorge so rede, als würde er an das Subjekt, an die Vernunft und die Moral glauben, und darum frägt, ob er vielleicht Idealist sei? ruft Jorge auf Seite 243 „Nein!“ Nein, hier erfüllt sich das Schicksal selbst.

Wer oder werin 🙂 bis hier gelesen hat, bekommt doch noch eine Kaufempfehlung. Ein Buch, bei dem man nach der Lektüre völlig ausser sich ist und halluziniert, wie Mario Vargas Llosa meint. Ein neuer Gigant des südamerikanischen phantastischen Realismus. Eine Wucht von 600 Seiten, bei denen man nicht vorwärtskommt, weil man ständig Ereignisse nachschlägt und recherchiert, so dass Phantasie und historische Faktizität unterscheidbar bleiben. Es geht nämlich auch um die göttliche Vorsehung und blinde Rache. Und den Stein des Wahnsinns. Es beginnt alles mit einer zweispaltigen Seite mit zwei Kurzbiographien von George Walker Bennett, mit vielen Übereinstimmungen und ebenso vielen Unterschieden. Es gibt verschiedene Ich-Erzähler. Einer sagt: Ich bin tot, ich habe es immer gewusst.

Warum Gustavo Faverón Patriau, geboren 1966 in Lima und heute Literaturprofessor in Maine, seinem Buch den Titel „Unten leben“ gab, bleibt unklar, geht es doch im Buch viel um die faschistischen Militärdiktaturen in Südamerika – und deren Herrschatsmethoden. Gewalt ist allgegenwärtig, aber auch politische Rebellion, Filmgeschichte der 70er (Werner Herzog, Kinsky, Kubrik) und ganz viel Literatur, auch Deutsche. Das Buch ist letztes Jahr bei Droschl erschienen.

Wenn ihr in die Buchhandlung geht, beschafft Euch auch Stefan Hertmans. Sein neuster Roman Dius berichtet von einer aussergewöhnlichen Männerfreundschaft. Im Klassiker Krieg und Terpentin geht es um den malenden Grossvater im ersten Weltkrieg. Sein Meisterwerk ist die Fremde; 11. Jahrhundert, Monieux!

Bis dann, das sind nun wieder die tausend Worte.