Indirekte Rede kann oneiristisch daherkommen, wenn der Konjunktiv, und nicht der, welcher ‚würde‘ benötigt, dafür verwendet wird. Er wirkt traumrealistisch, weil wir ihn als Möglichkeitsform kennengelernt haben. Der Konjunktiv II erscheint uns als Form des irrealen Optativs, wird aber auch in der indirekten Rede verwendet, wenn der Konjunktiv I die gleiche Form wie der Indikativ aufweist.
Das war letztes Jahr eine frohe Überraschung, als Dorothee Elmiger mit ihrem Buch Die Holländerinnen den deutschen Buchpreis gewann. Ich hatte schon Aus der Zuckerfabrik gelesen und war angetan. So mag Literatur heute gehen. Ich kann das Buch in meiner Bibliothek nicht finden; wahrscheinlich habe ich es mit einer Empfehlung weitergereicht. So bin ich ausserstande, genau zu eruieren, welches Erzähl-Ich uns berichtet. Ich meine, es ist eine Hörerin im Auditorium, welche erzählt, was die Poetikdozentin vorträgt: Den Bericht der Reise einer Theatertruppe auf den Spuren der im Dschungel verlorenen jungen Frauen. Nur so ist es möglich und notwendig, einen durchgend inneren Monolog in indirekter Rede wiederzugeben. Sie hätte bewusst eine andere Erzählhaltung als in der Zuckerfabrik gesucht, berichtet die junge Autorin aus Wetzikon, heute New York. Selten wohl hat die Grammatik eine derart prägende Rolle gespielt. Bei den Kritikern ist genau diese Erzählform aufgestossen. Doch das Unfassbare passt bestens in die Form irrealer Möglichkeiten. Die Unmöglichkeit all dessen darzustellen, den unvorstellbaren Horror. Abyssisches Nichts. Hineinziehlt ins Herz der Finsternis. Joseph Conrad, Benjamin, Lacan, Adorno.
Natürlich ist diese konzeptionelle Konsequenz etwas ermüdend, kommt nicht zur Sache, schwebt zwischen historischer Realität und möglicher Dystopie. Und es geht tatsächlich einfacher, schöner, betörender.
Ich meine den letzten Roman von W. G. Sebald, Austerlitz, den er kurz vor seinem Unfalltod (Herzinfarkt am Steuer) fertiggestellt hat. Der Ich-Erzähler gibt einiges über seine Verfasstheit preis, bleibt aber ein Schatten des Autors. Fussnoten mit abschweifenden Erinnerungen des Ich-Erzählers (an den Luzerner Bahnhofsbrand 1971) verstärken den autobiographischen Eindruck. Vielleicht hat Sebald seine jüngere Schwester Beate besucht, die im Zürcher Blüemliquartier lebt, eine Nachbarin von Maja. Die eigentliche Erzählung ist die Lebensgeschichte von Jaques Austerlitz, die in indirekter Rede wiedergegeben wird. Sebald schreibt konsequent nach der Inquit-Formel (lat.: er sagte), wie vordem Peter Weiss oder Thomas Bernhard, bei Sebald finden wir aber viele Doppelungen (wenn Austerlitz erzählt, was ihm gesagt wurde).
Der Erzähler trifft den Architekturhistoriker Austerlitz zufällig im Central-Bahnhof Antwerpen, im Salle des pas perdus, wie der Wartesaal genannt wird. Die Alleinreisenden kommen ins Gespräch. Diese Antwerpener Konversation, wie Austerlitz sie später bezeichnet, drehte sich vor allem um architekturgeschichtliche Einzelheiten des Eisenbahnmonuments. Austerlitz‘ historisches Interesse gilt dem kapitalistischen Baustil, dessen Ordnungszwang und Zug ins Monumentale an Bahnhöfen, Justizpalästen, Hotelanlagen, Mitterands Nationalbibliothek, aber auch in Arbeitersiedlungen durchschlägt. Die Empfangshalle im Brüsseler Justizpalast, unter der gigantischen Kuppel, wird auch Salle des pas perdus genannt. Der Erzähler besucht Kriegsschauplätze und Festungsanlagen, von denen Austerlitz berichtete. Fotos von Breendonk, Planungsdokumente. Die Nazis haben dort ein Gefängnis eingerichtet, samt Folterkammer und Lijkenkammer. Jean Améry wurde dort an den auf dem Rücken gefesselten Händen hochgezogen, nachdem er aus dem Vichy-Lager Gurs fliehen konnte. Pour savoir, il faut s’imaginer. Qui vit encore, Gaza-Doku von Nicola Wadikoff (Prix de Soleure 2026): Ein Blick ins Herz der Finsternis (WOZ).
Zweite, wiederum völlig überraschend und zufällige Begegnung mit Austerlitz, in einem Café des Espérances in der Nähe von Lüttich. „Wie von da an immer fuhren wir bei dieser ersten Wiederbegegnung in unserem Gespräch fort, ohne auch nur ein Wort zu verlieren über die Unwahrscheinlichkeit unseres erneuten Zusammentreffens.“ Bei der vierten Begegnung, „entgegen jeder statistischen Wahrscheinlichkeit, aber mit geradezu zwingender Logik“, beginnt Austerlitz seine Lebensgeschichte zu rekonstruieren. Er wächst im Hause des calvinistischen Predigers Elias in einem viel zu grossen Haus auf, dessen Fenster nie geöffnet wurden. Kein Radio, keine Zeitung, das Ehepaar in tiefer Verschwiegenheit. In seinem Kopf entsteht eine Art alttestamentarische Vergeltungsmythologie. „Manchmal war es, als versuchte ich aus einem Traum heraus die Wirklichkeit zu erkennen.“ 1946 kommt er vierzehnjährig in ein führungsloses Internat, Store Grange, wo er sich durchzuschlagen lernt. 1949 bekommt er vom Schuldirektor einen Zettel. Er dürfe sich bis zum Schulabschluss weiterhin Dafydd Elias nennen lassen, aber auf die Examensarbeiten müsse er den Namen schreiben, der auf dem Zettel steht: Jaques Austerlitz.
Die Zieheltern sterben schweigend, aber Jaques gewinnt einen Mentor: Den Geschichtslehrer, dem er nach einer Lektion über die Dreikaiserschlacht seinen entsprechenden Namen anvertraut. Poetische Metaphysik der Geschichte breitet sich aus. Austerlitz hat ein Gefühl für die Zeitlosigkeit, die Zeitgleichheit, die Ewigkeit. Auch Empfindungen des Abgetrenntseins und der Bodenlosigkeit. Gegen seine Vorgeschichte sucht er sich abzuschirmen, bis er in einer Buchhandlung (lesen und schreiben sind seine liebsten Beschäftigungen) zufällig ein Radiogespräch mithört, das sich um Kindertransporte nach England dreht, kurz vor Kriegsausbruch: Er weiss sofort, dass das auch mit ihm zu tun hat.
In Prag findet er im Archiv Spuren seiner Mutter und kurz darauf die noch im selben Haus wohnende Nachbarin Vera, die Jaques Kinderfräulein gewesen war. Sie besitzt 55 karmesinrote Bändchen der Comédie humaine und erzählt ihm aus früherer Zeit. Austerlitz besucht Theresienstadt, wo seine Mutter bis zur Deportation ins Vernichtungslager interniert war. Wieder in England, erinnert er sich an Colonel Chabert und liest Balzacs Geschichte selbst. Austerlitz zitiert einige französische Kernsätze dieser Geschichte von einem Mann, der mit gespaltenem Schädel aus dem Massengrab hervorkroch und schliesslich nach zehn Jahren in Paris seine Identität, seinen Besitz und seine Frau zurückhaben will. Diese Schrift habe ich in meiner Bibliothek gefunden und gleich selbst nachgelesen. Der französische Kommandant der Schlacht bei Eylau, Napoleon, hatte die Todesnachricht der Witwe Chabert persönlich zukommen lassen. Die Witwe ist wieder verheiratet, hat zwei Kinder und das Vermögen voll investiert. Sie will in dem heruntergekommenen und verunstalteten Kriegsveteran keinesfalls ihren früheren Ehemann erkennen. Der wendet sich an einen ehrbaren Anwalt, der ihm bei der Beschaffung der notwendigen Papiere helfen will und einen Vergleich in Form einer lebenslangen Leibrente herbeiführen will, mit der Graf und Oberst Chabert ein standesgemässes Leben führen könnte. Der Frau scheint die vorgeschlagene jährliche Summe zu hoch, und so lockt sie den Ex in ein Landhaus, wo sie ihn bewirtet und die sorgenvolle Mutter spielt, bis er so gerührt ist, dass er auf alle seine Forderungen verzichtet. Der Anwalt trifft ihn später zufällig vor einem Gericht, das ihn wegen Vagabundiererei verurteilt und in ein Armenheim einweist. So krass die Auferstehungsgeschichte beginnt, sie endet in moralischem Sumpf, Grausamkeit und Elend. Bei Austerlitz bestärkte die Geschichte, gerade in ihren kolportagehaften Zügen, seinem in ihm „seit jeher sich rührenden Verdacht, dass die Grenze zwischen dem Tod und dem Leben durchlässiger ist, als wir gemeinhin glauben“.