Mainelyyben

Seither gab es bei uns keine Revolutionen, Umstürze und gewaltsame Regimewechsel mehr, nur erfolglose Rebellionen und Revolten, die mit Militär und Polizeigewalt erstickt wurden. Der letzte Zürcher Staatsstreich (coup d’état) datiert 1839, der Straussenputsch. Der deutsche Begriff Putsch stammt aus unserer Region.

Nach dem Studium der Theologie in Tübingen zog es David Friedrich Strauss nach Berlin, um Hegel zu hören. Aus diesem Geist verfasste er 1835/36 Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Das Buch wurde ein Bestseller und sein Name im ganzen deutschen Sprachraum geläufig. Er unterscheidet den historischen Jesus und den mythologischen Christus, ohne seinen kirchlichen Standpunkt aufzugeben. Seine zahlreichen Gegner nannte man nun Althegelianer, seine ebenfalls zahlreichen Anhänger Jung- oder Linkshegelianer, dann auch Atheisten und Materialisten. Er entwickelte die Zweinaturenlehre: Jesus ist der sich seiner Herrlichkeit entäussernde unendliche Geist und der sich seiner Unendlichkeit erinnernde endliche Geist. Die einen sahen darin eine Vulgarisierung Hegels, andere eine Aufklärung christlichen Glaubens. Eigentlich war es nur ein Rückgriff auf die frühchristlichen Arianer. Aber nun standen sich Vernunftglauben und Offenbarungsglauben unversöhnlich gegenüber.

Der Erziehungsrat als oberstes Gremium der 1833 gegründeten Universität berief den blutjungen Strauss Ende 1838 auf den freigewordenen Lehrstuhl für Dogmatik und Kirchengeschichte. Das Gefiel den politisch Radikalen, die zentralistisch, egalitär, antikirchlich und nationalistisch waren – ein Erbe der Jakobiner, wie Alfred Kölz überzeugend nachgewiesen hat. Der Entscheid des Erziehungsrates, gegen den Willen der Geistlichkeit und der theologischen Fakultät, fiel ganz knapp aus, mit Stichentscheid des Präsidenten, Bürgermeister Melchior Hirzel. Die Familie Hirzel (vom gleichnamigen Hügelzug) hat schon lange vorher und lange nachher immer wieder für politische Unruhe in Zürich gesorgt: Dr Hitzig. Eine kantonsweite Petition sammelte in kurzer Zeit über 39’000 Unterschriften (fast 4/5 aller Stimmberechtigten!), so dass der Grosse Rat sich über den Erziehungsrat hinwegsetzte und die Pensionierung von Strauss beschloss, noch bevor er in Zürich erschienen war. Mit seiner Pensionierung erhielt Strauss eine Abfindung von 1’000.- Franken zugesprochen (heutiger Wert ca. 30’000.-).

Und da war noch ein junger Heisssporn: Jgnaz Theodor Scherr, der Direktor des ersten Lehrerseminars in Küsnacht im Seehof, das er später als Wohnhaus erwarb und heute das C.G. Jung-Institut beherbergt. Er schuf neue Lehrmittel, die den Einsatz von christlichen Texten im Schulunterricht zum Verschwinden bringen sollten und bezichtigte viele Lehrer als „beschränkt“ und „unbeschreiblich unwissend“. Er wurde 1825 als Leiter des Blindeninstitutes nach Zürich berufen, konvertierte und heiratete, wurde 1831 eingebürgert und kurz darauf in den Erziehungsrat gewählt. Er erarbeitete das neue Volksschulgesetz (darüber kann Franz berichten). An die Sitzungen des Erziehungsrates in der Stadt ging er zu Fuss. Auf dem nächtlichen Heimweg wurde er von kräftigen Seminaristen eskortiert, um ihn vor Angriffen zu schützen.

Im Vorfeld der Grossratssitzung vom 9. September 1839 fand eine Woche zuvor in Kloten eine Protestversammlung statt, die eine Neuausrichtung des Lehrerseminars und Umgestaltung des Erziehungsrates forderte. C. F. Meyer bezeichnete den Auflauf als zweiten Ustertag. Am 6. September schritten dann gegen 10’000 bewaffnete Landleute, angeführt von einigen Pfarrherren, in die Stadt. Am Münsterhof kam es zur Konfrontation: Ein Dutzend Tote Aufrührer, ein schwerverwunderte Regierungsrat, der am Folgetag starb. Der Stadtstaat kollabierte, der Regierungsrat und kurz darauf der Grossrat lösten sich auf. Schnelle Neuwahlen sorgten für den politischen Kurswechsel. Scherr wurde trotz lebenslänglicher Amtsübertragung entlassen, Abfindung 4’400.- Franken.

Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Regierung war die Amnestierung einiger Brandstifter von Uster, die immer noch im Gefängnis sassen. Am 22. November 1830 versammelten sich in Uster rund 10’000 Mann, um Forderungen an die Regierung zu formulieren und zu überbringen. Es war eine Art Vollversammlung, an der alle Forderungen, welche lauten Beifall erhielten, in die Petition aufgenommen wurden. Zehnten und Grundzinsen weg! Weg mit den Webmaschinen! Pressefreiheit! Jagdbann und Zuchtstiere weg. Danach wurde in Oberuster die mechanische Spinnerei Weberei Corrodi und Pfister in Brand gesteckt. 75 Verhaftungen. Politisch geriet der Ustertag zur Revolution und zum Sieg der Liberalen und Radikalen.

Gut dreihundert Jahre vor der Gründung der Universität gab es in Zürich nur eine höhere Schule: Die Prophezei, das Gymnasium Turicense oder Carolinum am Grossmünstertift. Zwingli richtete die Lateinschule, die fast ausschliesslich auf die Ausbildung von Pfarrern und Theologen ausgerichtet war, auf seine Glaubenssätze und staatspolitischen Ansichten aus. Der Theologieprofessor am Luzerner Jesuiten-Gymnasium verhöhnte die Zürcher als Urim und Thummin (Luther-Übersetzung aus dem Hebräischen: Licht und Recht), wobei er „Dummisten“ schrieb. Bis ins späte 18. Jahrhundert wurde viel Kontrovers-Theologie betrieben, indem Argumente gegen die Einwände von Katholiken, Lutheranern, Sozinianern, Remonstranten und Täufern gesammelt wurden.

Bis 1700 dominierten Lehrwerke der Logik und Metaphysik in aristotelischer Tradition; gegen 1800 kamen empirische Wissenschaften wie Naturphilosophie, Natur- und Landeskunde hinzu. Ein markantes und langlebiges Lehrbuch von Fraumünsterpfarrer und Professor für Katechese am Collegium Humanitatis von Felix Wyss bietet 110 Dialogismen. Diese haben alle die gleiche Form und denselben Aufbau: Frage, Antwort in Form einer Definition, analytische Zerlegung des definitorischen Satzes in Teilaussagen, Präsentation von Thesen und Antithesen zur Fragestellung. Dies erinnert doch sehr an die dialektische Methode von Thomas von Aquin und der ganzen Scholastik.

Sieben Mal im Jahr wurden am Carolinum feierliche Reden gehalten, die wichtigsten am Karlstag (28. Januar) und zu Felix und Regula, Kirchweih am 11. September. Der heilige Karl rutschte 1969 auf den zweiten Platz. An oberster Stelle wird an diesem Tag nun Thomas von Aquin gedacht.

Die zwinglianische Herrschaft verurteilte aus moralischen Gründen fiktive Literatur und verbot Theateraufführungen bis 1730. Zuvor tolerierter Geschlechtsverkehr von Verlobten führte nun dazu, dass die Heirat an einem Samstag stattfinden musste und die Braut auf Kranz oder Krone verzichten musste. Zwingli war am Wurstessen am Karfreitag beim Froschauer zugegen, aber nicht beteiligt. Er heiratete seine gleichaltrige Haushälterin, Witwe Anna Reinhart erst, als sie sichtbar schwanger war.

Nördlich des Polarkreises sind nur Grönlandhunde erlaubt.

Der kältere Südpol erwärmt sich am schnellsten. Die Extreme reagieren am stärksten auf Veränderung von Durchschnitts- wie Medianwerten.

Der höchste Kirchturm war bisher das Münstern von Ulm mit 162 Metern. Letztes Jahr hat Barcelona mit der sagrada familia noch einen draufgesetzt. Kommerzielle Hochhäuser übertrumpfen die Kirchen seit 1894, der Eiffelturm setzte seinen schwindelerregenden Höhenrekord 1889 zum hundertjährigen Jubiläum der französischen Revolution.

Omnia quae scripsi videntur mihi paleae. Thomas von Aquin kurz vor seinem Tode: Ich kann nicht mehr; alles was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Spreu. Seine Schauung der ganzen Wahrheit. Er starb am 7. März a.d. 1274. Thomismus war nach päpstlichem Kodex Pflichtstudium von 1917 – 1983. Inzwischen lehrt die Kirche, dass sie keine bestimmte Philosophie haben kann.

Der übernatürlich aus Gottes Wort entströmten Wahrheit bemächtigt und fügt sich der Mensch im Glauben, indem seine Zustimmung nicht aus Vernunfteinsicht, sondern einem Befehl des Willens entspringt. In Thomas‘ Folge streben Theologie und Philosophie auseinander, über Duns Scotus und Ockham bis zur Reformation (Luther: Hure Vernunft).

Unser menschlicher Geist ist wie ein kleines Licht, das unserer Natur gegeben ist und hinreichend, um Gott zu erkennen, weil es von ihm selbst zu diesem Zwecke entzündet wurde. Als päpstlicher Theologe am Hofe Urban IV verfasste Thomas von Aquin umfassende Kommentare zu Aristoteles. Seine scholastische Methodik war die klassische von Aristoteles über Boethius überlieferte deduktive Logik und ihr wesentliches Instrument, der Syllogismus mit seinen Modi.

Leibnitz trat in der cartesianisch zweifelnden und verzweifelten Zeit für Thomas von Aquin in die Schranken, im 19. Jahrhundert dann die katholische Kirche.

Was man verächtlich Spekulation nennt, öde, dürre Scholastik, ist in Wahrheit ein Ringen um die Fülle des Seins, oder, wer es lieber hört, um das Offenbarwerden des Lebens in seiner verborgenen Herrlichkeit. Das schreibt der Thomas-Kenner und -Exeget Joseph Bernhart (1881- 1969), katholischer Theologe aus Bayern und Priester. Nach seiner Heirat 1913 wurde er exkommuniziert. 1942 wurde der Bann aufgehoben. Bernhart schöpft deutsche Worte, die in kein Wörterbuch Eingang finden. Etwas aus der Möge in die Wirke heimbringen. Die aristotelische Begriffe Substanz und Akzidens benennt er Selbtrage und Beischaft.

Bernhart erläutert die Grundlagen von Philosophie und Logik. „Unsere Ersterfassung – Seiend – ist in jeglichem, was wir auffassen, einbeschlossen. Im Grunde ist dieser ursprünglichste und allgemeinste Begriff schon das Urteil: Seiend ist, und es kann nicht zugleich Nichtsein. Das ist das primum principium, das ontologische Grundgesetz: Principium contradictionis.“ Und es gibt eine ganze Reihe solcher eigengültiger Sätze, axiomata, dignitates. Keine Wirkung ohne Ursache. Das Ganze ist grösser als sein Teil. Die Tätigkeit folgt der Wirklichkeit. Nichts kann die Ursache seiner selbst sein. Niemand gibt, was er nicht hat. Abgeleitetes kann nicht grösser sein als das Stammhafte. Unendliches kann vom Endlichen nicht erfasst werden. Aus der Möglichkeit kann etwas in die Wirklichkeit nur durch ein in Wirklichkeit Seiendes übergeführt werden. Eins und ein Anderes, die einem Dritten gleich sind, sind unter sich gleich. Das Nichts hat keine Eigenschaften. Sophistisch? Denken und Sein, Erkennend-Seiendes und Erkannt-Seiendes, durchdringen sich gegenseitig (compenetratio). Gott denkt, was er ist. Begriff und Definition sind der wahre Griff ans Ding. Sieht man aber ein, was der Name Gott bedeutet, so hat man auf der Stelle, dass es Gott gibt. Nichts aber hindert, dass, was an sich beweisbar und wissbar ist, bei einem, der die Beweisführung nicht erfasst, als eine Glaubenssache Aufnahme findet.

Mainefroinde

Im Stadtstaat Zürich des aufklärenden Jahrhunderts, in dem der Grossteil der knapp zehntausend Zürcher Seelen lesen und schreiben lernte (auch wenn sie Licht als Elicehate lasen), sprachen Altvordere vom Mandatierungsschwall. Der Rat erliess jedes Jahr ein bis zwei Dutzend Mandate, vornehmlich Sittenmandate. Heute steht die Flut von Erlassen gut zehn mal höher. Ab 1757 erschien bei Orell auf Privatinitiative die erste Gesetzessammlung: Policey-Gesetze und Ordnungen. Da schwingt noch Platons Politeia in der Luft der Gelehrtenstube. Die Pfarrherren standen in der Pflicht, Erlasse und obrigkeitliche Ermahnungen von der Kanzel zu verkünden. Am Sonntag war der Kirchenbesuch Pflicht. Die Reformation hat nicht nur die Kirche verstaatlicht, sondern auch den Staat verkirchlicht. Die Normativität der obrigkeitlichen Bestimmungen wurde mit dem Modalverb sollen ausgedrückt, heute müssen wir.

Solch Wissensgierstillendes berichtet das diesjährige Neujahrsblatt der Gelehrten Gesellschaft Zürich, 189. Stück. In 247. Fortsetzung des Neujahrsblattes 1779 der Gesellschaft der Herren Gelehrten auf der Chorherren. Am Bärchtelismorgen in der Zentralbibliothek tauchen wir in das Klima dieses althergebrachten wissensaristokratischen Überblicks, umgeben von der ganzen materiellen Fülle der gesammelten Sicherheiten. Ein Dufthauch christlicher Bibliophilie. Doch das ancien régime scheint auch hier vorbei: Dieses Jahr konnte man, sofern man so wollte, erstmals bargeldlos bezahlen.

Im Jahr 1616 begannen in Zürich die Arbeiten an einem stattlichen Kornhaus im Renaissancestil, dort, wo heute das Stadthaus steht. Dank der gewaltigen Vorräte in obrigkeitlicher Pflichthaltung musste im Grand hiver Anfang 1709 niemand Hunger leiden. Die Lagune in Venedig verwandelte sich in ein Eisfeld für Schlittschuhläufer. Vivaldi brachte die Pirouetten in Sonettform. Im Sommer malt Johann Melchior Füssli Tafeln mit allen Limmat- und Seefischen in realer Mindestfanggrösse mit Angabe der Schonzeiten, als bezahlte Verkündung des Fischereimandates. Ich habe die Tafeln gesehen.

Als ein Blitz 1763 in den Nordturm des Grossmünsters einschlug, war die Feuerwehr einigermassen gerüstet. Zürich hatte einige Jahre zuvor Feuerspritzen beim Meister Wirz beschafft. Ein Übergreifen des Feuers konnte dank der Spritzen im Kirchenschiff verhindert werden und mit nassen Ochsenhäuten wurden die Glocken gerettet. Erst 1787 erhielten die Turmstrunke die heutigen Helmhauben. Früher waren sie schöner, viel spitzer. Hans Waldmann hatte sie als Bürgermeister aufsetzen lassen. Und es musste nochmals ein Jahr vergehen, bis der Rat endlich Blitzableiter erlaubte. Bereits 1753 installierte Benjamin Franklin in Philadelphia erste erfolgreiche Blitzableiter, in Zürich erschien 1772 bei Orell, Gessner, Füssli und Comp. eine Schrift von H. B. de Saussure mit positiven Erfahrungsberichten; 1776 folgte von D. Breitinger im Auftrag der Naturforschenden Gesellschaft eine ausführliche Empfehlung an die Stadt. Seit 1782 bestand in der Stadt eine privatwirtschaftliche Feuerassecuranz-Gesellschaft, deren Direktoren mehrheitlich Magistratspersonen waren. Solche Interessenskonflikte sind wohl mit Grund für die hartnäckige Ratsmehrheitsmeinung, dass der Strahlableiter Blitze anziehe und daher die Gefahr eines Einschlages erhöhe, gegenüber evidenzbasierter Einsicht in Massnahmen zur Schadensminderung.

Schrittspannung und Fulguritual

Als vermögender und geistgewandter Constaffelherr wurde Johannes Werdmüller 1769 in den Kleinen Rat ernannt und städtischer Bauherr. Er sprach akzentfrei Französisch und Italienisch, kleidete sich nach Mode der französischen Aristokratie mitsamt sonnenköniglichen roten Absätzen. Am Sonntag trug er ein Buch von Voltaire unter dem Arm. Im Rat musste er sich anhören, dass er vom Bauen nichts verstehe. 1779-1792 versuchte er mit dem Bau eines privaten Sommersitzes in der Enge das Gegenteil zu beweisen. Das barocke Maison de plaisance mit Ehrenhof, Gartenhaus und Seeanstoss geriet im dritten Sommer in die Ratsakten: Werdmüller zeigt dem Rat an, dass sein Hündlein auf seinem privatem Grund von einem Knecht des städtischen Wasenmeisters mit einem Knüppel totgeschlagen wurde und fordert Wiedergutmachung. Kurz zuvor hatte der Rat nach mehreren Unfällen mit beisswütigen Hunden verordnet, dass sofort alle Hunde eingesperrt oder angekettet werden sollen, frei laufende Hunde ohne Hundemarke aber durch städtisch besoldete Wasner totgeschlagen werden. Werdmüller moniert übertriebene Strenge und fehlendes öffentliches Interesse, der Rat zitiert den Sanitätsrat. Der Biss eines tollwütigen Hundes ist für den Menschen tödlich, es soll im 18. Jahrhundert in Zürich mehrere solche Fälle gegeben haben. Der Verwaltungsrechtsstreit versiegt in den Protokollen, vermutlich nach gütlicher Einigung. Neben den damals aristokratisch modischen Schosshündchen (die oft Goldschmuck trugen, was den Hundehaltenden durch Sittenmandat verboten war) gab es in Zürich vielerlei hündisches Nutzgetier. Gutes Geld machten Wachtelhundezüchter. Man kaufte aber auch Hundefleisch vom Hundemetzger. Der Metzgershund aber, Bulldog oder Bullterrier, auch Rottweiler, trieb das Vieh zum Schlächter. Noch schlächter ging es noch früher dem Waldmann Hans, vom Dübelstein: Sein Versuch, die ländlichen Bauernhunde zum Schutz der Wildbestände und städtischer Jagdprivilegien totschlagen zu lassen, kostete ihm schliesslich selbst den Kopf.

Rund zwanzig Jahre nach Werdmüllers Tod wurde das Herrenhaus 1825 vom damaligen Bürgermeister Hans Conrad von Muralt gekauft. Das heutige Muraltengut gehört der Stadt Zürich und dient dem Stadtrat vor allem zu Repräsentationszwecken. Der Dalai Lama, Thatcher, Mitterand und Kofi Anan wurden dort empfangen. Der damaligen Stadtpräsident, mein damaliger Chef, hatte zumindest einmal im Jahr höflichen Kontakt mit einer Dame namens von Muralt. Bei Empfängen von städtischen Partnern war ich manchmal in der städtischen Delegation. Im ersten Amtsjahr gab es ein letztes mal ein etwas ausschweifendes Gelage aller Kader des Präsidialdepartementes, was wohl der Tradition beim letzten bürgerlichen Stadtpräsidenten geschuldet war. Mit dem Bau der Seebahnlinie war Schluss mit der Herrschaftlichkeit, die späteren Malereien von Karl Walser (Bruder des grossen Schriftstellers Robert) erinnern an die Bedrohlichkeiten der Zwischenkriegszeit.

Wie seit einigen Jahren gewohnt, redigiere ich meine Notizen und Notate bis zur der Form, die den Abschluss bringt. Wohin damit? Ins Internet werfen, meiner Genisa. Die wohl umfangreichste Sammlung jüdischer Texte aus der Genisa der Ben-Esra Synagoge in Kairo lagert heute an der Universität Cambridge, Erbe des britischen Kolonialismus. Dank diesem Archiv konnte Stefan Hermans sein Meisterwerk Die Fremde schreiben. In der Kairoer Genisa, einer zugemauerten Kammer mit einer Einwurfsöffnung, fanden sich altbiblische Texte, Fragmente, Kommentare; aber auch Poesie, Prosa, Fabeln, Rätsel; dann auch Briefe, Verträge, Gerichtsakten, Chroniken, Genealogien, Zaubersprüche und medizinische Rezepte. All diesen Texten wie auch meinen ist gemeinsam, dass sie den Namen Gottes enthalten oder sonstwie an Heiliges rühren. Meine Genisa wird monatlich etwa hundert mal aufgesucht, Spitzenreiter ist Aljoscha auf Hiddensee. Auf mich wartet Kento-Box III. Und wenn es dann am Schluss wieder die genau tausend Worte sind, welche den Beitrag ausmachen, bleibt die Form gewahrt.