Sonnenbergs Landsgemeinde

Eigentlich hätte das Haus schon früher eröffnet werden können, der Bau war fertig. Aber die Aufrichte am Entlisberg verzögerte sich, weil man erst mal die Butzen- zu einer Baustellenzufahrtsstrasse ausbauen musste, und der Waisenvater vom Oetenbach wollte alle Zöglinge gleichzeitg umziehen lassen, mit ihren Leiterwägelchen. Am Knabenschiessen 1911 war es endlich so weit: das Haus Sonnenberg endlich eingeweiht. Das Restaurant Sonnenberg war einige Jahre vor dem Waisenhaus da: Die über hundert geladenen Gäste begutachteten erst den Bau am Entlisberg, fuhren dann mit der Strassenbahn zur Rehalp und fanden sich auf ihrem Spazierweg zu Café und Kuchen auf der Aussichtsterrasse der Fifa-Kneipe ein. Jacky’s Kalbskoteletten wagten sich nicht in die kühnsten Zvieri-Fantasmen der Magistraten und Hochgeehrten. Dann hoch zum herrschaftlichen Waisenhaus, von der Bürgergemeinde als ihr Stolz bewilligt, vom Winterthurer Sozi in Zürich 7 gebaut, im Professorenquartier und ehemals lesezirkelregierten Hottingen. Die Abendsonne im Festsaal zum Akt, die Emil Klöti spontan bei der Schlüsselübergabe an den Waisenrat zum Herzstück seiner ansonsten trockenen wie farblosen Rede machte. Eine Lachnummer wird erleuchtet. An der dunkelbraunen Wand das Porträt von Statthalter Heinrich Escher, der das Waisenhaus Oetenbach, in der heutigen Polizeihauptwache, eingeweiht hatte. Bodmer-Weber, Präsident der Waisenhauspflege: Lasset die Kinderlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich. Pfarrer Tappolet, Oetenbach-Waisenvater und Hausherr im neuen Sonnenberg: Wen Gott lieb hat, dem schenkt er ein Haus in Zürich. Fürchten Sie nicht, dass unsere Kinder verwöhnt werden, sie haben hier mehr Arbeit. Nach der Hauseinweihungsfeier spazierte die Festgemeinde zum Laubsäge-Waldhaus Dolder, wo nebenan vor vier Jahren auch ein Golfplatz eröffnet worden war. Die Kinder durften mit an das Festessen.

Das wollte so Hans Nägeli, Finanzvorstand im Zürcher Stadtrat und Parteimitglied der Demokraten (Erfinder des Volksentscheides in Sachfragen). Er fiel in der Baukommission durch seinen Vorschlag auf, den Boden der Spielhalle im Sonnenberg zu asphaltieren, um durch den weicheren Belag die Unfallgefahr zu reduzieren. Nägeli war an der Feier anwesend, weil er selbst als Waisenkind im Oetenbach aufgewachsen war und, als erster Stadtrat aus dem Waisenhaus, die Kraft des politischen Willens am eigenen Leibe spürte. Vielleicht ging es dem Klosterschüler Estermann und der Lesbenmuse Mauch auch so. Reden durfte Nägeli an der Feier nicht. Jahre später, die Dinge überschlugen sich in der Welt und z’Züri, wurde er von seinem Kollegen Klöti, der in der Zwischenzeit Nationalratspräsident geworden war (die Lex Wagner war noch bei Jackys Kalbskoteletten) in seinen Stadtpräsidialamtswiederwahlambitionen übertrumpft. Das rote Zürich wurde wahr. Genossenschaftsbauten wurden hochgezogen, der brave Sozi scheiterte zweimal als Bundesrat – der Draufgänger Ernst Nobs wurde 1943 der erste rote Landesvater. Nobs trat als Zürcher Regierungsrat zurück, als er zum Nachfolger von Klöti als Zürcher Startpräsident gewählt wurde. Jetzt war Zürich wirklich rot. Der Stauffacher-Platz heisst eigentlich Nobs-Platz, aber die VBZ ignorieren das (Der Korrektor kann’s sich nicht verkneifen: Der Stadtrat leidet an züriblauer Schwul-Lesbischer-Rot-Grün-Farbblindheit).

Allen Waisen war gemein, dass sie Stadtzürcher und Reformierte waren. Einige hatten zwar Eltern und Verwandtschaft, aber sie waren illegitim oder waren ausgesetzt worden. Nur katholische und schwererziehbare Kinder durften nicht in den Sonnenberg, Letztere wurden in Korrekturanstalten auf soziale Normen abgerichtet. Die Erziehungsmethoden im Waisenhaus basierten vorerst ebenfalls auf körperlicher Züchtigung, in einem vom Rat erlassenen Reglement waren Rutenschläge in einer Straftarifliste Pflicht der Aufseher. Diese Disziplinierungsmethoden der Waisenväter endeten nach dem Grausen des ersten Weltkrieges: Nun übernahmen Lehrer diese Funktion von den Pfarrherren. Die Blütezeit der staatlich-institutionellen Waisenfürsorge endete mit dem nächsten Weltkrieg. Aus Kostengründen wurden Waisen in Adoptions- und Pflege-Familien platziert. Die Kosten explodierten trotzdem: Fünfzig Jahre später hatte sich die Zahl der Kinder halbiert, die der Angestellten mehr als verdoppelt. Kurz nach der Jahrtausendwende brach ein dickes Wasserrohr beim Pumpwerk. Das ganze Wasser aus dem Reservoir Sonnenberg ergoss sich über das Villenquartier. Die Zukunft wurde immer ungewisser.

Sicher ist, dass die Eröffnungsfeier im Sonnenberg am 11. September, dem dritten Tag vor den römischen Iden, stattfand, das ist der Tag der Stadt Zürich, das Knabenschiessen, die Feier der Stadtheiligen. Im Gegensatz zu anderen Angehörigen der römischen Fremdenlegion schienen sie nicht auf den Märtyrertod versessen, den viele wählten, in dem sie sich weigerten, gegen christliche Heere zu ziehen. Felix und Regula wählten die Flucht. Des Kaisers Häscher liess die ägyptischen Christen aufspüren und auf der Limmatinsel köpfen, da wo heute die Wasserkirche steht. Sie nahmen ihre Köpfe in die Hände und liessen sich von Engeln auf den Hügel tragen, auf dem unser grosser Karl mit dem hiesigen Bischof später die Gräber öffnete, je einen kaum verwesten Kopf in die Hand nahmen und das Grossmünster bauen liessen. Bevor Zwingli die Bilder, Statuen und Reliquien eigenhändig aus diesem Gotteshaus trug, liess ein Innerschweizer Handwerker die heiligen Schädel mitlaufen, sie sind in der Kirche Andermatt. Zwei Schädelplättchen vom Hinterkopf verschenkten die Andermatter zurück nach Zürich, sie sind sicher in der 1950 eröffneten St. Felix und Regula Kirche im Hardquartier, in meiner Nähe. Einige Altarbilder überstehen heute den Rest der Zeit im Landesmuseum, unterhalb dem Münster. Ein ägyptischer Unternehmer hat die Andermatter Schädelreste (die Unterkiefer fehlen seit dem Engelstransport) zurück in ihre Heimat geschafft und zur Tarnung ein gigantisches Tourismusprojekt lanciert. Im Fremdenprospekt als Sehenswürdigkeit taucht nun das Chedi an Stelle der Kirche auf.

Fest steht, dass im Waisenhaus das Knabenschiessen, kurz nach dem Mostbummel,  zu den vielen  rituellen Feiertagen zählte. Der Blütezeit-Waisenvater Emil Gossauer anerbot den zahlreich am Schiesswettbewerb teilnehmenden Zöglingen, sie mit dem Motorwagen im Albisgüetli abzuholen, wenn sie das Stechen gewinnen. So weit kam es nie, aber er brachte einige Waisen durch die Matur und an die Zürcher Hochschulen. Er betreute (bereuen vs. betreuen, im nächsten Text) auch Lehrlinge, die auswärts lebten und managte deren individuelles Homeoffice. Die grösseren Zöglinge erhielten Rotwein und Taschengeld. Gossauer baute Gemüse, Beeren und Früchte an, so dass sie bald den Überschuss verkaufen konnten. Hühner, Enten, Kaninchen und Truten zogen in die Nordostecke des Areals. Der patriotische Pädagoge kaufte erst den Kelvinator, darin die Nahrungsmittel kühl zu halten. Besorgte sich dann ein Pathé-Klein-Kino und lachte mit den Schützlingen und dem Hausteam über Chaplins Golfspieler (Nein. nicht schon wieder der Korrektor – Selbstanzeige). Wer begabt war, erhielt auf Kosten des Hauses Musik- und Instrumentalunterricht. Eine riesige Vielfalt von Gesangsbüchern, auch Geschenke des Personals. Köpfe und Figuren wurden aus Kartoffeln geschnitzt. Bettnässern legte „der Senkrechte“ die physiologischen Zusammenhänge dar, darum sie abends nicht trinken sollten. Und brachte ihnen gefütterte Finken und 1 Wärmeflasche. Er hob das Verbot der Geschlechtermischung am Esstisch auf. Die Zöglinge wurden von der Landsgemeinde aller inkludierten Minderjährigen in ihre Hausämter gewählt, dazu gehörten auch die Bücherei, der Blumenschmuck, die Glocke, der Ausläufer. Am Tisch verteilte der am Tisch gewählte Schöpfer das Essen. Erziehung zur Selbstregierung in der sonntäglichen Landsgemeinde. Als diese bereits zum Schluss kam, stellte ein Junge den Antrag, dass morgens wieder Hafersuppe gereicht werde. Die Mädchen kreischten empört. Gossauer musste schliesslich in geheimer Abstimmung den Entscheid finden lassen, das Prozedere entsprach dem Standard der Nationalversammlung. Die Hafersuppe kam dank dem absoluten Mehr wieder auf den Frühstückstisch. Dem Personal musste Gossauer aber zugestehen, dass sie in diesem Punkt nicht dem Willen der Landsgemeinde unterstünden. Da sich die Stadt weigerte, das Areal durch ein angrenzendes Waldstück zu arrondieren, liess er ein Wäldchen neben den westlichen Pappeln anlegen, pflanzte Birken um den Ziergarten und setzte an der Zufahrt einen kleinen Riesen-Mammut, in der Gewissheit, dass dieser kalifornische Baum überragend genug werde, um die Kraft und den Geist dieses Ortes auch späteren Generationen vor Augen zu führen. „Haus und Garten sowie die Lage sind so schön, dass alle Zöglinge es sich zu ihrer Ehrenpflicht machen sollten, auch das Leben gut und schön zu gestalten“, liess er im Protokollbuch seine Rede niederschreiben.

Anständig sterben auf Reisen

Odysseus hat nach sieben Jahren von der Nymphe Kalypso genung. Ihr Versprechen der Unsterblichkeit beeindruckt ihn nicht. Er will nach Hause. Da kotet es sich einfach am besten. Natürlich gerät er mit seinem selbstgebastelten Floss in derbes Wetter. Riders on the storm. Notdürftig. Zu Hause verleugnet er seine Identität, obwohl ihn Penelope an den Füssen erkennt, die sie ihm als Gastgeberin wäscht. Telegonos sei verreist, nimmt sie ihm die alte Angst, von seinem Sohn, der ihm von Zirze beschert wurde, getötet zu werden. Der fromme Odysseus hatte seine Zirze „meine Göttin“ gerufen, muss jetzt aber daheim einen strolchenden Dieb vom Feld vertreiben – doch der wird wütend und tötet ihn mit einer Lanze, verlängerter Stachelroche. Der Sterbende beschwert sich bei den Göttern, dass sich die Prophezeihung des Orakels nicht bewahrheite, entgegen der in Griechenland gängigen Annahme, dass durch das Medium die Götter zu uns sprechen, also nichts als die Wahrheit. Lügengötter! war sein zweitletztes Wort. Falsch! zischte Telegonos, ich bin dein und Deiner Göttin Sohn, Der Vollstrecker. Scheisse.

Achten sie darauf, dass keine Scheisse aus ihnen austritt, nachdem sie gestorben sind. Das kann einem das halbe Jenseits versauen. In der Schweiz geht sowas vielleicht, aber gerade auf Reisen wäre das ein Hohn auf alle Reinlichkeitsgebote verschiedenster Religionen oder Kulturen und zudem dermassen peinlich, dass dringend davon abgeraten werden muss. Wenn Sie also aus irgendeinem Grunde bettlägerig werden sollten, stehen sie auf keinen Fall auf, um feste Nahrung zu sich zu nehmen. Wer sterblich ist, kann etwas dagegen tun: Hungerstreiken. Nach zwei Fastentagen dürfen Sie in der Gewissheit weiterleben, das Jenseits mit all seinen Vorzügen ohne Einschränkungen und lästige Gedanken an den eigenen Leichnam geniessen zu können, falls sie sterben würden. Trinken Sie gesüsste und aromatisierte Aufgussgetränke, gekühlt oder heiss. Lassen Sie auch das Trinken weg, fall Sie Lust verspüren, richtig zu verreisen und zu versterben. Nach weiteren drei Tagen beginnt der Trip. Nach einer Woche sind Sie weg.

Er weigerte sich, in einer Botschaft Asyl anzunehmen. Liu Xiaobo wurde festgenommen. Der Forderung des einundsechzigjährigen Gefängnisinsassen, zur medizinischen Versorgung ins Ausland reisen zu dürfen, kam die chinesische Regierung nicht nach. Er wurde künstlich beatmet, sonst aber sterben gelassen, einen Tod des multiplen Organversagens. Quasi am Tod gestorben. So kann man auch auf Reisen sterben, ohne Atemgerät geht das sogar einfacher. Sterben müssen wir, das ist Plichtfach aus Gründen der Logik wie der Empirie. Gedanken an die Ewigkeit unterstehen deshalb dem Vorwurf des objektiven Subjektivismus. Religion ist Schachspiel mit Gott. Die christlichen Prediger haben recht, es besteht ein Beziehungsaspekt. Reflektion und Reflexion. Physik. Der Beziehungsaspekt hat personale Substanz. Die Person ist Seele plus Psyche (wer will, zählt Körper und weitere concreta und abstracta dazu) und damit göttlich-menschlicher Zwitter: Eine fata morgana des Anderen. Ein Subjekt wird sich selbst durch das Selbstbewusstsein als Interagens zwischen Innen und Aussen. Das Selbst ist auch Mediär zwischen dem personalen ich und dem inneren anderen. Subjektempfindung und Personenzuschreibungen fallen zusammen. Du bist das. Das bist Du: तत् त्वम् असि, tat tvan asi, die grosse Verkündigung der Veden, wobei grammatisch Subjekt und Objekt austauschbar verschränkt sind.

Die muslimische und jüdische Leichenwaschung dient der Herstellung ritueller Reinheit. Bei Märtyrern erübrigt sich die Waschung, die haben ihren Ritus hinter sich. Das Abendland praktiziert hygienische Leichenversorgung: Watte in Nase, Rachen und Anus, Kieferhälften von innen zusammennähen. Dank der Ligatur hält der Tote den Mund. Erzählen Sie Ihren Liebsten, welche Bestattungsart und welches Ritual sie für sich selbst passend finden, wenn Sie nicht Märtyrer sind. Erzählen sie es nie wieder, ausser Sie haben aus guten Gründen Ihre Ansichten geändert. Wir werden ständig neu geboren, kommen immer mal wieder auf die Welt. Mit Gott imreinensein.

Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollte der Mensch nach Gottes Gebot nicht essen, sonst wird er sterben. „Musst sterben Du, sterben“ sprach Gott (gebrochen?) hebräisch zum Menschenmann. Englisch Jim Morrison: I tell you, I tell you we must die. Die Schlange aber sprach zum Weibe: Sterben. Sterben werdet Ihr nicht. Sondern Gott ists bekannt, da ihr davon esset, eure Augen sich klären, und ihr werdet wie Gott, erkennend Gut und Böse. Die Schlange hat die beiden reingelegt: Sie erkannten weder Gut noch Bös, sondern nur ihre Scheu vor der eigenen Nacktheit. Sie machten sich Feigenblätter um statt Liebe, der Sündenfall. Wer hat Dir gemeldet, dass Du nackt bist? überführte Gott den Menschen. Ob Sie nackt schlafen oder nicht, ist egal. Leichen werden überall auf der Erde neu angezogen, umwickelt oder zugedeckt. Die Schämerei ist vorbei. Aber denken Sie daran, das Zimmer nicht von innen zu verriegeln, wenn Sie ernsthaft in Erwägung ziehen, dass Sie im Schlaf sterben könnten. Das kann jedem passieren. Es wäre traurig, wenn man ihre Leiche zu Hause als Geruchsemission ortet oder die Zimmertüre eintreten muss. Hinter sich immer dicht machen, aber niemals abschliessen. Das ist der Anfang vom Ende. Lassen Sie alles offen. Auch hinter sich. Und vergessen Sie nicht, Ihre Avatare aus dem Internet zurückzupfeifen.

Konsens herrscht darüber, dass trotz Medizin, Molekularbiologie, Neurochemie, Nanotechnik und Informatik der transhumanistische Ansatz etwa beim Alter von 150 Menschen-Jahren an die Wand fährt. Irgendwas geht kaputt im Organismus Mensch, das System kippt und alle Einzelteile verändern sich. Wenn es dem wissenschaftlichen Fortschritt gelingen könnte, den Menschen bis zu diesem unvorhersehbaren Kippdatum physisch und psychisch in seiner Jugend zu halten oder in einem anderen selbstbestimmt besten Alter, hätte der Tod Mühe, sich bemerkbar zu machen. Die neue Langlebigkeit wird zum Volkssport, frotzelt die Memento-mori-Fraktion. Jahre, die man dem Zeitfluss abgerungen hat. Ans Trockene gebracht. Mann muss den Fluss trotzdem queren. Das Paradoxon löst sich, wenn wir in den Fluss steigen. Am liebsten bin ich in langsamen Fliessgewässern, auf dem Rücken bewegungslos schwimmend, die Strömung massiert meine Kopfhaut.

Grüss Gott! Sterben Sie wohl!

Master and servant

Was sollen wir tun, ruft der Co-Pilot. Wir folgen seinen Anweisungen. Dem uniformierten Piloten ist vorgeschrieben, den Auftrag des diensthabenden Fluglotsen zu folgen und nicht auf seine eigenen Augen, seine Bordinstrumente und sein Gefühl zu vertrauen. Die Befolgung der Anweisung des Dienstherren hatte nicht nur dem Cockpitpersonal den Tod auf Überlinger Boden beschert. Es ist maschinendatengestützt erwiesen, dass die Flugzeuge nicht kollidiert hätten, hätten die beiden Piloten die Anweisungen der Lotsen bezüglich Sinkgeschwindigkeit einhalten können. Der im Dienst herrenrolleninhabende Fluglotse wurde durch Kalojew, der beim Flugzeug-Crtash seine Familie verlor, zwei Jahre danach bei sich zu Hause erstochen. Weil das Bundesgericht das vorinstanzliche Urteil bestätigte und der Russe bereits zwei Drittel der Strafe abgesessen hatte, flog er  nach Nordossetien zurück und wurde als Meister der Hinterbliebenen von Überlingen gefeiert und als Bauingenieur trotz verminderter Zurechnungsfähigkeit zum stellvertretenden Minister für Bau befördert.

Herden von Wildschafen, Steppenzebras und Tüpfelhyänen werden durch weibliche Leittiere dominiert. Fast bei allen Gruppentieren gibt es eine gesonderte Männchen- und Weibchen-Hierarchie. Zuoberst thront das Alpha-Paar. So hielten es auch die Königshäuser, bis die Queen am Gin Tonic nippte und mit einer wegwerfenden Geste dem affigen Getue Einhalt gebot. Sie ist auch meine Mutter. Die Dienerin macht den Staat. Kronos hat den himmlischen Uranos entmannt und das Goldene Zeitalter dominiert, bis ihn Zeus auf die Insel der Seeligen verbannte, für den Rest der Ewigkeit. Seine Schwester und Gattin hatte den kleinen Zeus auf Kreta versteckt, weil ihr Brudergemahl alle Babies auffrass, wie die roten Brüllaffen, wenn ein bulliger Brüller den Familienfrieden stört. Menschliche Alphatiere werden ausgewogen in positiven wie negativen Adjektiven beschrieben. Der Platzhirsch gibt sich durch seinen Oberkörperbekleidungsstückvorderseitenaufdruck zu erkennen, das Geweih auf dem Leibchenrücken. Der Leitbulle verdreht die Augen, senkt den Kopf und brüllt. Der Silberrücken kratzt sich und denkt nach. Der Leitwolf zieht eine Linie und dann Leine zur anderer Geschichte.

Wir kaufen ausschliesslich Neger als Haussklaven. Man wirft uns diesen Handel vor. Ein Volk, das seine eigenen Kinder verkauft, ist noch verdammenswerter als der Käufer. Dieser Handel zeigt auch unsere Überlegenheit; derjenige, der einen Meister akzeptiert, wurde geboren, ihn zu haben – das liess der europäische Chef-Aufklärer Voltaire aus Ferney, gleich neben dem europäischen Teilchenbeschleuniger bei Genf, in der Debatte über den Geltungsbereich der Menschenrechte verlauten. Neger und Frauen strotzten vor Dinghaftigkeit, bei schuldlos Verarmten war die Trennlinie schwieriger zu ziehen. Hausmäuse erkennen an ihrem Duft nicht nur Paarungsbereitschaft, sondern auch Stellung in der Rangordnung sowie Gebietsherrschaft. Ist eine Rangordnung, meist durch aggressives Verhalten, einmal erreicht, wird sie zur Regel. Herausforderungen sind nach dem Vorbild Billard oder Boxen jederzeit möglich. Der Futterplatzanspruch wird durch Schnabelhiebe verteidigt und in der Verhaltensforschung als Emotion beschrieben, weil Hühner unwissend sind. Die Pyramid-App analysiert das Hühnerherdenvideo und hält bei jedem Schnabelhack fest, welches Huhn Hacker war und welches zum Gehackten wurde. Die Daten zeigen eine numerische Rangordnung vom Ersten bis zum Letzten, wenn das Hickhack in der Hühner-Matrix Hνν sortiert wird. A und O sind häufig Begleitmotiv zum Christus-Monogramm, steht im letzten Buch der Bibel, dem einzigen prophetischen. Jesus ist Herr und Knecht zugleich. Lukas hat das Gleichnis falsch verstanden.

Hunde sind knechtisch und auf einen menschlichen Sozialpartner angewiesen. Wilde Hunde knurren in Beissordnung. Fische ändern ihre Farbe, wenn sie in der Rangordnung im Schwarm auf- oder absteigen. Höherrangige Vespen haben mehr schwarze Punkte auf der Stirn. Forscher haben bei rangniedrigeren Vespen Zusatzpunkte aufgemalt und bei Ranghohen Punkte abgedeckt. Die Kampfgenossen lassen sich nicht täuschen und strafen die Kollegen mit gefälschten Rangabzeichen gar bitterlich. Beobachterfische aus dem Nachbarsbecken greifen schwächere Kampfgenossen an, wenn sie rüber dürfen – und legen sich mit Kampfstärkeren vorerst nicht an. Andere Forscher haben das signifikant vorhergesagt und damit ist einen statistischen Beweis erbracht für die interaktive Natur von Sozialhierarchie. Dominanz ist immer beziehungsspezifisch und zeit- wie situationsabhängig. Der evolutionäre Nutzen einer Rangordnung ist beim Menschen nie dagewesen, da die Gewaltopfer die Schönheit der Macht übersteigen. Auch, weil der starke Mann erfolglos versuchte, alle anderen Männer daran zu hindern, sich fortzupflanzen. Der Ranghöhere kann sich mehr Freiheiten erlauben. Im Humanbereich sind weitere Dominanzphänomene nachweisbar. Mitglieder einer ranggeordneten Gruppe müssen sich gegenseitig identifizieren können und über ihre Rangbeziehung meist einvernehmlich orientiert sein, sie sind also Personen und wissende Tiere.

Der Habitus einer Person bildet deren Status. Fritz Teufel, der Leitwolf der Berliner Anarchisten, sass nach der Anti-Schah-Demo, an der Ohnesorg erschossen ward, vor Gericht. Stehen Sie auf, forderte der Richter. Wenn’s der Wahrheitsfindung dient, gab Teufel zurück. Der Richter hatte ihn am vorherigen Verhandlungstag aufgefordert, ebendem zu dienen, statt zu predigen. Die Antiautoritären jubelten. Die Halbwertszeit des Gehorsams war abgelaufen. Individuum und Kollektiv organisieren sich neu. Der teuflische Individualist war Kommunarde mit der deutsch gegebenen Nummer I. Die Grundwerte werden mit aller Härte verteidigt. Menschenrechte müssen unbarmherzig durchgesetzt werden. Werte verlangen Gehorsam, nicht nur Einhaltung von Regeln. Werte verlangen Bekenntnis. Teufel war ein halbes Jahr in U-Haft wegen angeblichem Steinschleuderwurf. Danach frei gesprochen und freigelassen. Früher hatte er eine Nacht absitzen müssen, weil er eine Tüte voll Pudding in Richtung Trump geworfen hat. Später fünf Jahre U-Haft wegen Entführung. Er legte sein Alibi erst dem Urteilsgericht vor, wurde sofort freigelassen. Spassgerija nannte das der Wortschöpfer und Performanzkünstler. Seine Urne wurde per Grabschändung entführt und von der Polizei neben dem Grab von Rudi Dutschke gefunden. Der oberste Gebietsrat der Anarchisten besteht aus egalitären Individualisten. Vom Vorsitzenden Sonntag ahnt man nicht, dass er gleichzeitig höchster Ordnungshüter ist, wenn er auf einem Elefanten durch London jagt. Sein Schöpfer ist der kolossale Chesterton, in England ein bekannter Krimi-Autor, für den jetzt ein Seligsprechungsverfahren läuft. Auf Twitter: Ich bin hier. Wo sollte ich sein?

Der Herr legt sich in dem Bewusstsein, sterben zu müssen, auf seinen Knecht, um wenigstens ihn durch die kalte Nacht warm zu halten. Das ist die russische Variante von Tolstoi, mit dem Helden-Knecht работник Nikita, dem Chruschtschow des literarischen Realismus. Der Knecht wird mit dem gleichen Wort bezeichnet, unter dem später die sowjetischen Proletarier den Thron besteigen. Die Pflichterfüllung wird als selbstverständlich angesehen und bedarf daher keines Lobes. Even the best of God’s servants are still unworthy because they have only done their duty and no more. Han doch nume min Job gmacht.

Knecht und Brecht. Der finnische Gutsbesitzer Puntila ist nüchtern Ausbeuter und betrunken Menschenfreund. Man könnte sagen: Die Rolle des Herren entfremdet ihn seines Menschseins. Oder das Hegelsche Paradox parodieren: Obwohl der Herr die Macht über den Knecht zu haben scheint, ist es in Wirklichkeit der Herr, der abhängig ist. Brecht ist der Voltaire der marxistischen Literatur, ein Kanzelredner der Vernunft: Unterdrückung und Ausbeutung sind Wahrheit. Arm und reich können nicht zusammenkommen, Puntilas Tochter Eva fliegt durch den Proletariertest und Knecht Matti verlässt seine Geliebte. Der Status dominiert seine Kinder. Sexuelle Barrieren und Geschlechterrollen sind altmodisch, moniert Martin Gore, let’s play master and servant – between the sheets. It’s a lot like life! Der vegetarische Tenor trug in Berlin gerne die Röcke seiner Freundin und lackierte seine Fingernägel schwarz. Forget all about equality! In Deutschland kletterte die libertäre Hymne auf das Podest der Charts, für oder gegen sexuelle Hörigkeit, mit Hundehalsband und mit überblendetem deutschen Reichstag bei Misstrauensabstimmungen. Wenn er unten ist, fühlt er sich oben. Lord Byron hatte eine Liebesbeziehung zu einer verheirateten Frau beendet, die danach Depression und Magersucht durchlitt. Die Musiker schwingen Ketten und Peitschen wie unsereins die Fahnen. Die Psychologie kann beweisen, dass Christian Grey jede Regel der BDSM bricht. Durch Gefühlskälte traumatisiert! Der Arztroman ohne Doktor hat also nichts zu tun mit regelkonformem Sadomaso, der auf sexueller Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung beruht. Der dominante Herr dient nach der streng reglementierten Aufführung als Koch und Kellner. Ich erwarte nicht, dass Du mir einen Kaffee holst, es sei denn, Du holst Dir selbst einen runter. Wenn er oben ist fühlt er sich unten. Die Domina tätschelt dem Geschäftsherrn die Wange nach getaner Pflichtschuldigkeit. Nur kommen darf man nicht oder gehen. Der Herr haftet für seine Verrichtungsgehilfin, die Herrin für ihren Dienstknappen. Hausfrauen und Bauarbeiter dominieren auf allen Vieren. Forget all about equality. Respondeat Superior!