Padouk und Banyan

In seinem Stammholz findet man keine Dendriten oder Neuriten, so dass das Gehirn des Baumes ganz anderer Art sein mag. In den Trachen finden sich die Lumen, Hohlräume der Leitzellen, und darin rotschimmernde Mikrofasern, die zumindest geeignet scheinen, Ionenströme zu leiten und photovoltaische Energie zu modulieren. Wird der Baum dereinst gefällt oder fällt er selbst, so kann man den mächtigen Stamm in dünnste Scheibchen zerlegen und versuchen, das Phänomen besser zu verstehen. Analoge Tomographie. Doch das wird schwierig werden. Nicht einmal sein Alter wird man bestimmen können, hier gedeiht der Baumriese nicht in Jahreszeiten entsprechenden Schüben, die sich später als zählbare Jahrringe zeigen, sondern in einem kontinuierlichen Wechsel-Drehwuchs, der die Zellen in einer verschränkten Fibonacci-Anordnung sich vermehren lässt. Dies führt zu einem rekursiven Glanz des Querschnittes, der mehr irritiert als erklärt. Aber auch als totes Holz Klarheit und Sättigung emittiert. Wird das lebende Holz verletzt, tritt ein roter Saft aus und der Duft von Vanille entströmt. Die Andamanen haben mit dem frischen Baumblut das Tilaka der geschlechtsreifen Jungfrauen, das dritte Auge, mit dem zinnoberroten Porenpulver das Bindi der verheirateten Frau als dritte Bremsleuchte gezeichnet.

Evident ist, dass dieser jahrhundertealte Padouk eine Art Erinnerung in sich trägt, die aber nicht mit einem abgeschlossenen physischen System gleichgesetzt werden darf, weil Externalisierungseffekte auftauchen, die bei manchen Menschen sprachliche, bildhafte oder gar szenische und filmische Bewusstseinsinhalte entstehen lassen. Der titanische Zitan, Pterocarpus indicus, nimmt einen unter seine mentalen Fittiche, wenn man in seinen Kronenradius gerät. Man spürt, dass man zu seinem Haushalt gehört, ja hier zu Hause ist. Durchschnittlich jeden Tag mit zehn Millimeter Meteorwasser besprüht, schüttelt er sich nur nach den ergiebigeren Regenfällen im Sommermonsun. Aber er lässt das ganze Jahr einzelne Blätter welken und die gedörrten Luftschiffchen aus seinem immergrünen Morgenmantel rieseln. Gelassen, ja fast herablassend betrachtet er seine Nachbarn. Die Kokospalmen scheint er zu verachten, nicht wegen ihrer wässrigen Milchkugeln, sondern wegen ihrer geringen Standfestigkeit, ihrem lächerlich kleinen Wurzelballen. Dort, wo die Mangroven ihre gestelzten Wurzelsiebe aufschlagen, bleiben die medizinballgrossen Stümpfe dieser faserigen Stängelpflanze liegen und schmirgeln ab: Typisch Homorhizie! In Padouks Brettwurzeln scheint die spontane Erinnerung zu hausen. Legt man seine Stirn an die lebenden Holzflossen, so spürt man dessen Assoziationen in seine eigenen Gedanken einsickern. Die Kolonialgeschichte zieht in komödiantischen Episoden vorbei, Kriege werden zum Karneval. Der Elefant bewegt sich in Zeitlupe. Seine Hautfarbe spiegelt Padouks Rinde. Mit dem Rüssel streicht er über die Wurzelschultern, als danke er seiner Mutter. Die Früchte des Padouk sind grosse Ravioli, hellgrüne Teigtaschen mit einem einzelnen Kern. Die Hülsenfrüchte des Schmetterlingsblütlers öffnen sich nicht selbstständig. Nur der Elefant hat das nötige Feingefühl.

Im Schatten seines mattgrünen Hutes versammelten sich die halbnomadischen Andamaner, ihr Kraushaar aufgetürmt, zu seinen Ehren mit einem pfefferroten Band umwunden. Der Älteste sass unter dem mächtigen gotischen Wurzelportal von der Grösse des Chorfensters im Prager Veitsdom. Da konnte er ohne weiteres Zutun seine Gedanken mit der Erfahrung, dem Überblick und der hunderttausendgliedrigen Sensorik des roten Sandels vereinen und seine Gemeinschaft durch die Jahrhunderte führen und Rat finden. So auch im Dezember 2004. Ein Epizentrum jenes Erdbebens, welches das Wort Tsunami auch in die kalten Höhenlagen anderer Kontinente spülen hiess, liess sich vorgängig unter dem Narrabaum vernehmen, so dass alle Indigenen sich auf die Hügel zurückzogen und dem Wüten und Bersten aus der Ferne beiwohnten. Danach blieben sie noch ganze drei Tage in den Kokoswäldern, bis sie sich wieder nach abwechslungsreicherer Nahrung umsahen. Und diese zuerst ihrem Padouk darbrachten. Seither ist das Wort Tropenkopf aus den Vokabularien verschwunden. Die Ektropenköpfe haben sich ins Richipedia verkrochen. Mit ihnen sind durch die Springflut ein Dutzend Inseln verschwunden.

Nah genug, dass sich die Blattaugen tief in die Blütenkelche sehen können, hat sich Banyan niedergelassen. Steht man zwischen dem ungleichen Baumpaar, so spürt man, dass sie Brautbäume sind. Die erdverhafteten Brettwurzeln bewundern seine sadhugleichen Luftwurzeln; der Epiphyt, die Aufsitzpflanze, ihre hochstrebende Standfestigkeit. Im Zwischenbereich, dem gemeinschaftlichen Raum, verliert sich die vertikale Orientierung in einen märchengleichen Schwebezustand, der am besten liegend erfahren wird. Ehe er es sich versah, lag er auf einem herrlichen Tagesbett mit schwellenden Kissen von leuchtender Seide. Ein Traumraum. Ein Wunschbaum, der Banyan. Er greift aus, stützt sich ab, ohne je Padouk zu umarmen. Padouk möchte schon seine Wurzeln um ihre Taille spüren, seine luftigere Form der Ewigkeit berühren. Padouk wuchs nur mit Luft, Wasser und Licht auf. Und abgeschuppter Rinde. Bis er mit seinen länger werdenden Wurzelarmen den Boden aufkratzt und Halt findet. Aber wenn er ganz gross geworden ist, so ist kein Platz mehr für jene, auf deren Schoss er gesessen und dann umarmt hat. Erst bleibt eine Holzscheide, dann wächst auch diese zu. Überwuchert, die dänischen Kolonialherren, österreichischen Höflinge, schliesslich die britischen Aufseher ihrer Strafkolonie und die japanischen Krieger.

Unter einem von Padouks Ahnen meditierte Siddharta Gautama, bis er vollkommen erwachte. Ja, unter Lichtfressern wird man beschattet und erleuchtet. Der antike König Ashoka, der seine staatlichen und philosophischen Fühler bis nach Burma und Athen ausstreckte und dessen Namen heute jeden zweiten Lastwagen ziert, nahm im dritten vorchristlichen Jahrhundert einen Steckling des heiligen Baumes nach Sri Lanka. Wie historische Schriften belegen, wurde der Nachwuchs schnell zu einem neuen Zentrum des Buddhismus, was später die Shivaiten dazu verleitete, den Baum zu fällen. Ein Steckling des Gefallenen soll wieder in dessen ursprüngliche Heimat zurückgebracht worden sein. Buddhisten werden im heutigen Indien zu den Hindus gezählt. Nun sind die Pappelfeige und die Banyan-Feige kaum mehr zu unterscheiden. Heilig sind sie allemal. Banyans am Strassensaum tragen eine Vielzahl von kleinen Säckchen, in welchen menschliche Wünsche auf ihre Erfüllung warten. Malerische Bilder mit viel Jute und farbigen Bändern gibt es nur noch im Internet. Padouk wir nie erleben, so lange seine Wurzeln reichen, dass ein Wunsch aus einer Plastiktüte Erfüllung findet. Banyan und Padouk berühren sich gelegentlich in der unterirdischen Rhizosphäre und in luftiger Blattkronenhöhe. Wunschlos im zeitlosen Glück.

Der Autophag

Dieses eine Mal nur bin ich ihm begegnet. Bei eben diesem Mahl. Das musste ich erst mal verdauen. Darum blieb ich der Beisetzung fern.

Ich wusste eigentlich kaum etwas über Saimur, den ältesten Sohn eines meiner Cousins, väterlicherseits. Er hätte meine Texte gelesen und würde sich freuen, wenn ich seiner Einladung Folge leisten würde, liess mich der Neffe zweiten Grades via WhatsApp wissen. Meine Neugier war grösser als das ungute Gefühl, so dass ich vorbeigehen und mir ein persönliches Urteil bilden wollte. Er sei ein Genie auf dem Gebiete der Biochemie, hiess es, hatte sein Grundstudium gleich mit einer Dissertation gekrönt und in Japan im Team des nachmaligen Nobelpreisträgers Yoshinori Ohsumi gleich die Forschungsleitung übernehmen können. Sie hatten einiges darüber herausgefunden, wie die intrazellularen Umbauprozesse vor sich gehen: Es war ihnen gelungen, mittels Hochfrequenzstrahlen Zellen dazu anzuregen, sich in rudimentäre chemische Bausteine aufzulösen und nach vorgegebenem genetischem Plan neu zusammenzuraufen. Die Pharmaindustrie bewarf die Homunkulusbastler mit Milliardenbeträgen. Doch nach kaum mehr als einem Jahr kehrte er zurück, niemand wusste Genaueres. Beide Beine amputiert, ganz am Rumpf.

Die Tür wurde von einem kräftigen und grossgewachsenen Ostasiaten geöffnet, der mich auf Deutsch hereinkommen hiess. Den Kopf kahlrasiert und in einer hochgeschlossenen weissen Kleidung, so dass er wohl Bodyguard und Pflegefachmann in einem war. Er führte mich ins Obergeschoss, wo um einen runden Tisch der Gastgeber, eine androgyne Volltätowierte sowie der Professor bereits Platz genommen hatten. Diese Formulierung mochte auf Saimur nicht passen, er wurde wohl eher platziert. Sein Rumpf steckte in einem bauchnabelhohen, schwarzbraunen Lederkissen, einer Art Ringboje, die auf einem Rohrstuhl mit Rollbeinen festgemacht war. Der linke Arm war auch weg. Er trug einen engen, schwarzen Leibesanzug, der links ohne Armöffnung war.

Er streckte mir die rechte Hand entgegen und drückte die meine betont und damit unangenehm kräftig: „Schön, Dich hier zu haben, bevor von mir gar nichts mehr übrig ist“, lachte er mich an. „Das ist Robertone, der Professor Pertavita, der mir die Grundlagen der Biologie eingeflösst hat.“ Der Professor schob sich die Brille in die Stirn und grinste weise. „Und Tanathie, meine Begleiterin und mein Mikro-Yoga-Guru. Yeswikan hast Du ja schon kennengelernt, er ist mein Diener und Zuchtmeister.“ Der Hühne verbeugte sich ein wenig und trat einen Schritt zurück. Im tätowierten Gesicht gegenüber konnte ich keine Regung wahrnehmen; die Yogatechniken mussten sich auf die Zellebene beziehen. Ich überlegte kurz, ob ich eine Nettigkeit zur Begrüssung äussern sollte, eine zynische Bemerkung über Leibesübungen machen wollte oder einfach aufmerksam die Phänomene beobachten, was eine allfällig notwendende literarische Verarbeitung erleichtern würde, da hob Saimur seinen Kupferbecher und herrisch verströmte die lautlose Aufforderung, es ihm gleichzutun. „Wir sind mitten im reissenden Strom des Lebens, wir halten uns in diesen Moment am gleichen Schwemmholz und stossen auf das andere Ufer an, Prosit!“ und leer war ihr Becher. War selbst ihre Zunge tätowiert? Sie schien meine Gedanken zu lesen, leckte sich die Lippen und streckte kurz die Zunge heraus, so dass das gestochene Bild einer weiteren Zunge die Welt verhöhnte. Ich nippte aus meinem Becher. Lauwarmer Sake, seichter Alkohol. Der Professor murmelte etwas von einem ewigen Kreislauf und trank in kleinen Schlückchen, als wäre er in einer Selbsthilfegruppe, die mit Urin experimentiert.

Der Asiate hatte sich an der Hauselektronik zu schaffen gemacht und rundum wurden die Wände zu Projektionsflächen, an denen die Bilder im Gegenuhrzeigersinn langsam über alle vier Himmelsrichtungen wandern sollten. Das erste zeigte einen jungen Inka-Häuptling, der in einer weissen Frauenhaut steckte, direkt über Tanathie. Sweet surrender to love ertönte aus den Lautsprechern, die geheimnisvolle Stimme von Tim Buckley, welche die Liebhaber schwarzer oder weisser Musik mit Sehnsucht plattwalzt. Bevor ich diese Musik in den Schutz meiner Vernunft nehmen konnte, meinte Saimur, es brauche keine besondere Vorstellungskraft, um die Kleidung des kannibalischen Inka als die Macht der magischen Selbstverwandlung zu erkennen, welche heute an die Medizinaltechnik delegiert werde. Die Menschheit täte gut daran, ihre Experimente wieder ins Existentielle zu weiten, frei nach Nietzsche, wenn sie nicht in vegetativer Lethargie versinken wolle. Man sollte ein Buch schreiben, das mit einer Fussnote die Drehrichtung der Erdkugel umkehrt.

Der Inka wanderte nach links, Richtung Professor. Hinter die Volltätowierte schiebt sich ein barockes Portrait von Daniel Defoe, dazu die berauschte Amy Winehouse. Der Asiate trägt die dampfende Suppenschüssel auf und Saimur schöpft die braune Mehlsuppe in die Teller der Gäste. Bei Thanatie und mir lässt er sich Zeit, um die richtigen Klösse herauszufischen. Als ich ihn frage, was er an Amy Winehouse besonders mag, bekennt er, dass er sie erst zu schätzen begann, nachdem sie dem Club 27 beigetreten war, respektive beigelegt wurde. Sie gehöre nun einfach dazu. Aber die Ehrenplätze würden Jimi Hendrix, Janis Joplin Und Kurt Cobain belegen. Ich löffle etwas von der Suppe, die Klösse schiebe ich beiseite. Nein, ich hätte wenig Appetit, entgegne ich der aufdringlichen Frage, ob mir die Suppe nicht schmecke.

Nachdem die Löffel eingesammelt, das Suppengeschirr abgetragen und ein fast zähflüssiger Rotwein kredenzt worden war, fuhr der schlitzäugige Kliniker einen Servierwagen mit einer Schüssel voll dampfendem Risotto und einer grossen Schale mit Saucenfleisch auf. Nun überliess Saimur seinem Gehilfen den Service mit der Bemerkung, dass Osso buco mit Gremolata und etwas Sardellen sein Leibgericht sei und er selber für die Zubereitung vollauf verantwortlich zeichne. Hinter dem Tattoo-Gesicht, in dem die Knödel wie pochierte Wachteleier verschwunden sind, erscheint das Bild eines Zeitgenossen in legerer Businesskleidung. Das Gesicht ist ziemlich ausdruckslos, etwas nerdig. Erst später wurde mir klar, dass es sich um Armin Meiwes handelte, den Informatiker, der als Rotenburger Kannibale vom Landgericht zu achteinhalb Jahre Gefängnis verurteilt wurde. Die Lektüre von Robinson Crusoe, im Alter von vierzehn Jahren, hätte ihn auf die Idee gebracht. Der Bundesoberstaatsanwalt riss entsetzt das Dossier an sich und nun sitzt er lebenslänglich, auch wegen Störung der Totenruhe – immerhin hatte er nicht nur auf Verlangen getötet, sondern auch eine Leiche verspiesen. Irgendwie liess Meiwes Bild die ganze Szene etwas entspannter wirken, der Osso buco schmeckte nicht übel. Der Risotto liess zu wünschen übrig. Den krieg ich deutlich schmackhafter hin. Saimur lächelte zufrieden, als alle kauten. Übrigens lese ich gerade Stephen King, liess er uns wissen, „Der Formit“. Vor allem die Geschichte „Survivor Type“ hat es mir angetan. Aber das beste sind Deine Texte, wandte er sich an mich. Dein Buch „Anständig sterben auf Reisen“ ist ein wahres Geschenk, das ist der beste Ratgeber seit den Heiligen Büchern. Das Gefälle der Gedanken ist grandios wie gnadenlos. Moment mal, Junge, unterbrach ich ihn. Ich habe dieses Buch gar nicht geschrieben. Niemand hat dieses Buch geschrieben. Es gibt kein solches Buch. Und trotzdem hast Du es falsch verstanden! Überlegen lächelte er, „wem gehört eine Geschichte, ich zitiere Gstrein“ und blickte allwissend in die reglosen Gesichter der Tischgenossenschaft. Der Professor nickte, „vom homo erectus zum homo verrecktus, Kollege Richard Peto hat Recht: Unglücklichsein hat nichts mit Sterblichkeit zu tun“. Dem Kahlkopf gab Saimur ein Zeichen und der stellte ein eisnebliges Glas vor mich. Aus den Boxen dröhnte nun Jim Morrison, The End. Die Nahaufnahme des ermordenten Tamilen, die ich vor kurzem auf dem Handy der Tochter einer Freundin zu sehen bekam, erschien im Grossformat an der gegenüberliegenden Wand. Zahllose tiefe Schnitte, die Gebeine liegen blank, die Fleischstreifen von der Dicke von Kalbshaxen. Ich trank. Und hoffte, es sei mein Schierlingsbecher.

Das alles kann ich nun leichter nehmen, während ich es in Worte zu fassen versuche. Mein Notebook sitzt wie ein Buddha auf dem Bett, nur der Bildschirmrücken neigt unnatürlich nach hinten. Ich bin zur gewohnten Ruhe gekommen. Ich schreibe nur mit der rechten Hand, da bleibt die FESTSTELLTASTE schon mal vergessen, auch wenn ich nur den einen Grossbuchstaben schreiben will. An der Decke rauscht der Ventilator und sorgt für Sauberkeit im Aschenbecher. Saimur hiess mit Taufnamen Damiens, wie der erfolglose Königsmörder, dem die schwitzenden Rosse seine Glieder aus dem Leibe rissen. Viergeteilt, das letzte Glied verblieb am Rumpfstumpf. Auf dem Friedhof stellte ich fest, dass die Eitelkeit zu Stein erstarrt ist. Von Gottes Staub keine Spur. Saimur liess eine kleine Platte am Rande des rasenbewachsenen Urnenfeldes anbringen mit seinem Rufnamen, der Zahl 27 und der Inschrift Autophag. Er passte wohl in eine XS-Aschenkapsel. Vom Eingangstor bis zum Urnenhain sammelte ich meinen Speichel, mein Mund war gefüllt. Voller als bei der Dentalhygiene. Eigentlich wollte ich am Bestattungsort ausspeien, auf das Grab spucken, um das letzte Üble, das noch in mir war, loszuwerden. Doch ich schlucke runter. Drehe an meinem Flachmann und fülle die Mundhöhle mit gebranntem Weintreber. Zünde mein Feuerzeug und spucke prustend durch die aufs Maximum gedrehte Flamme. Aus das Irrlicht.

 

Amor fati

Die deutsche Ärztin hat ihre liebe Mühe damit, ihre schwarzhäutigen Patienten zu begreifen. Mit einer Mischung aus ratlosem Unverständnis und anteilnehmender wie rationaler Bewunderung stellt sie die afrikanische Psyche als schicksalergeben dar. Die Menschen würden ihre Krankheiten und Gebrechen geduldig hinnehmen, aber präventive Empfehlungen und kurative Anordnungen ebenso geduldig ignorieren. Das westliche Phasenmodell, das in der Medizin und der Managementlehre zur Bewältigung von Krankheiten und Krisen gelehrt wird, scheint in der sandigen Hitze dem Zerfall überlassen. Die junge Ärztin moniert fast zärtlich, diese Menschen hätten eben diese amor fati.

Der damit beschönigte Fatalismus der Hilfsbedürftigen ist für die christliche Helferschaft natürlich fatal. Selbst im Gesicht des Papstes zeigen sich nach seiner Afrikareise Züge von Ratlosigkeit, gerade wenn er die letzte Bastion der Keuschheit gegen das Kondom mimt. Über das Femidom schweigt er sich würdevoll aus, obwohl es statistisch doppelt so viele Schwangerschaften ermöglicht (Pearl-Index wie bei einer Vierzigjährigen kurz vor der Menopause). Werbetechnisch und präventionspolitisch breitenwirksame Verteilaktionen von Präservativen werden als Aufruf zur Unkeuschheit abgelehnt. ‚Schütze Deinen Nächsten wie Dich selbst‘ wird deshalb mit interessierten Passanten erst diskursiv aus christlicher Grundlage deduziert, bevor das Verhütungspaket mit der stilisierten Skyline der Luzerner Kirchen, überwölbt von einer regenbogenfarbenen Kondomerie, von der keuschen zur aufgeklärten Hand wechselt. Aufdruck: Vergesslichkeit ist übertragbar. Wer hat schon von seinen Eltern gehört, dass ihr Kind aus blosser Vergesslichkeit gezeugt wurde? Daran kann sich weder Vater noch Mutter erinnern.

Der vorchristliche Republikaner und stirngefurchte Vielschreiber Cicero war der fatalen Ansicht, dass es für einen Kranken sinnlos sei, einen Arzt aufzusuchen, weil von vorneherein feststehe, ob er wieder gesunde oder nicht. Cicero wurde erschlagen. Solch stoische Ignoranz wird heutzutage kaum jemand teilen wollen. Allerdings bildet sich fast unbemerkt in Kreisen von Medizinalfachleuten, Gesundheitspolitikern und Psychologen die Überzeugung, dass man in den meisten Fällen besser erst mal mit einem Arztbesuch zuwarte, um den Selbstheilungskräften die Möglichkeit einzuräumen, den Termin statt die Person hinfällig werden zu lassen. Dazu braucht man nicht gleich Quietist zu werden und in Gleichmut zu versinken, einige Zeit im Bett liegen zu bleiben genügt. Karenzfristen gelten für Erkrankung und Genesung gleichermassen.

Alles hat seinen Grund. Nichts ist Zufall. Mit diesen Worten werden Geschehnisse psychologisch überhöht, mit assoziativer Bedeutung aufgeladen und in sinngebende Zusammenhänge eingereiht. Diese esoterische Weisheit scheint das weibliche Pendant zum in der Männerwelt vorherrschenden kausalen Determinismus, der mit naturwissenschaftlicher Argumentation vorgetragen wird und meist ein böses Ende voraussagt. Beides ist grober Unfug und wird aus logisch-deterministische Gründen beidseitig mit einem gendergerechten Rauswurf aus unserem Sprachspiel bestraft. Im längst vergriffenen Brettspiel Schicksack wird die subjektive Reaktion auf äussere Ereignisse durch Zufallskärtchen gesteuert. Wir funktionieren eher umgekehrt. Das fatum oder Schicksal mit dem grammatisch neutralen Geschlecht ist nicht das passende Gegenstück zum Zufall. Jedem Zufall geht ein Abwurf voraus. Allerdings muss offen bleiben, wer das abwirft, was mir zufällt.

War in vor- und frühantiker Zeit das Schicksal eine undefinierte Himmelsmacht, die sich auch mal gütig stimmen liess, so wurde in den monotheistischen Religionen der göttliche Wille und seine Allmacht zum Fundament der theologischen Prädestination. Der Schicksalsglaube der Stoa wandelte sich bei den Hermetikern und Gnostikern zur Überzeugung, das irdische Schicksal überwinden zu können und die Erlösung in einem Jenseitigen zu finden. Die Anhänger der grossgewordenen christlichen Kirche räumten dann mit dem schicksalhaften Fatalismus auf und der Kirchenvater Augustinus verbannte das fatum aus dem Vokabular. Andere ersetzen das antike fatum durch den christlichen Gott oder durch den allmächtigen Willen Allahs. Calvin doppelte nach. Sola gratia, allein aus Gnade auserwählt Gott die Einen. Und aus seiner dualistischen Logik entsprang die doppelte Prädestination: Die Anderen sind zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt. Auf jeden Fall gilt es, das Unausweichliche geduldig hinzunehmen. Wie die Kinderlosigkeit im Zeitalter der Reproduktionsmedizin.

Morgen wird Trump bei lebendigem Leibe eingemauert. Das ist keine Twitter-Polit-Trumpferei über den republikanische Präsidenten, sondern ein wahrer Aussagesatz. Die logischen Fatalisten würden abwarten, was morgen geschieht. Wenn dann morgen Trump eingemauert wird, so ist das zwingend notwendig und der Satz von gestern ist absolut wahr. Es wäre unlogisch, wenn man an die Möglichkeit denken würde, etwas anderes hätte sich ereignen können. Doch die Wahrheit ist zeitlos. Eine Aussage ist dann wahr, wenn sie logisch korrekt ist, meint Aristoteles. Er argumentierte gegen den logischen Fatalismus – den kausalen Determinismus hielt er nicht für diskussionswürdig. Er untersuchte mögliche Varianten der kategorischen Syllogismen und schuf damit die Basis der objektsprachlich-axiomatischen Modallogik, welche Leibniz die Erkenntnis ermöglichte, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Und ausgerechnet gegen Leibniz wurde der Vorwurf des Fatalismus erhoben, als das Wort im 18. Jahrhundert aus dem Englischen über das Französische eingedeutscht wurde und als Kampfbegriff der ganz Aufgeklärten gegen alle Abgeklärten in Mode kam.

Tatsächlich hatten auch die Stoiker die Bejahung der Weltordnung befürwortet, da man nur durch die Liebe zum Schicksal zur Ruhe komme. Die Formel der amor fati aber geht auf Nieztsche zurück, der damit das Ziel seines Philosophierens benannte: Ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein. Aber das Ja-sagen zum Verhängnis ist ein durch und durch paradoxer Begriff. Auch wenn die Wahrheit paradox ist, muss man Gott nicht gleich totschreien. Nietzsches versuch, dionysisch im Dasein zu stehen, führte bekanntlich zum apathischen Liegen im Lehnstuhl. Wer Nietzsche zitiert, neigt leicht zur Überhöhung. Ob alles vorherbestimmt ist oder wir das Gegebene liebevoll akzeptieren macht den Unterschied zwischen Wahn und Wahrnehmung. Wir brauchen unseren Willen, um immer mal wieder die Folgerichtigkeit zu feiern.