#GodAndNation

Die in liberaler Tradition stehenden Zürcher haben sich immer etwas geärgert, dass Pater Alberik Zwyssig in der Innerschweiz mit diversen Monumenten als Schöpfer der Schweizer Nationalhymne gefeiert wurde. Zwyssig hatte ja nur seine 1835 im Kloster Wettingen komponierte Messe „Diligam te Domine“ (www.schweizerpsalm.ch/Hoerbeispiele/Diligam%20te%20Domine.mp3) etwas zurechtgestutzt, um die Hymne zu vertonen. Der lateinische Text passt much better. An der Ecke Eugen-Huber-/Rautistrasse in Altstetten wird Zwyssig entsprechend bescheiden gefeiert. Im fin de siècle wurde dann der fortschrittsgeistige Dichter Leonhard Widmer als Urheber lanciert. Das Schweizerpsalm-Denkmal, das seit 1910 auf dem Zürichhorn steht, wurde dann aber dank stadträtlicher Konkordanz sowohl dem Textautor als auch dem Komponisten geweiht. Das etwas martialisch geratene Jugendstil-Monument erhielt vom Volksmund die Bezeichnung „Rakete“. Nach dem letzten grossen Krieg erhielt der Lyriker Widmer neben dem Meilemer Bahnhof, auf dem Grundstück seines Geburtshauses, ein eigenes Denkmal: Vorerst kniete die Knabenfigur neben dem Geleise und hält Ausschau nach dem geröteten Alpenfirn, später steht sie, weil ihr der neue Bahnhof die Sicht in die Alpen versperrte. Der Doppelspurausbau überrollte dann die standfeste Figur, so dass sie die Politiker ans Seeufer zügelten. Die Bahnkunden werden nun mit einem Gedenkstein neben den Parkplätzen abgespiesen. Seither fahre ich alljährlich am Nationalfeiertag zu diesem kurzbehosten und lang vogelbekackten Jüngling zum pique-nique patriotique am Gestade. Am Buss- und Bettag, der 1832 durch die Tagsatzung proklamiert wurde und dessen christlich-nationalen Rituale damals die politischen Kantonalbehörden zu vollziehen hatten, besuche ich das Eidg. Boule- und Pétanque auf dem Zürcher Lindenhof.

Die konservativ-liberale Kooperation von Zwyssig und Widmer ist eine historische Unregelmässigkeit in der Regenerationszeit, in der sich die beiden Parteien nichts schenkten. Zwyssig, mit 13 Jahren aus dem Uri in die Klosterschule Wettingen versenkt, musste 1841 aus den Klostermauern zurück in die Innerschweiz flüchten, weil Widmers Gessinnungsgenossen im Aargauer Grossrat gerade beschlossen hatten, sämtliche Kloster unter staatliche Verwaltung zu stellen (hier zweigt die Geschichte der Monstranz aus dem Kloster Muri in der Aussersihler Mutterkirche ab!). Der Aargauer Oberst Frey-Herosé, späterer Generalstabschef im Sonderbundskrieg und Mitglied des ersten Bundesrates (ja, mit Schneider-Ammann verbindet ihn der eheliche Doppelname, den sich Fritz zugelegt hatte, um unverwechselbar zu werden – noch später wurde daraus wider ein Kurzname: Chocolat Frey), verlangte den Schlüssel zu den Kirchenschätzen und verjagte die Mönche reussaufwärts. Der eher geschäftliche Kontakt der beiden Musikliebhaber Widmer und Zwyssig – Widmer betrieb eine Lithographie und gab Notenblätter heraus – brach für ein gutes Jahr ab. Zu dieser Zeit schrieb Widmer den originalen Schweizerpsalm. 1833 war Widmer wegen einer Stelle als Schönschreiblehrer, die er dann doch nicht erhielt, zum zweiten Mal in die Limmatstadt gezogen, als Kostgänger der Witwe Huber am Stüssihof, deren Tochter Louise hervorragend kochte und seine Frau wurde. Eines Tages erhält Zwyssig Post, die von wackeren Männern überbracht wurde: Den Schweizerpsalm von Widmer, mit der Bitte um Vertonung. Zwyssig liest den Brief ein zweites Mal, schaut auf den Zugersee und denkt an sein „Diligam te Domine“. Über die editorischen Verhandlungen der beiden ist leider nichts bekannt; auf jeden Fall gelangte die gemeinsame Version unabhängig voneinander im September 1841 in Zug und Zürich erstmals zur Aufführung. Am eidgenössischen Sängerfest in Zürich, keine zwei Jahre später – und gleichzeitig mit der Herausgabe der ersten kontinentaleuropäischen Briefmarke durch den Staate Zürich -, wurde am 26. Juni das Lied in der ersten Abteilung des Hauptprogrammes durch den gastgebenden Gesangsverein Harmonie aufgeführt. Begeisterungsstürme. Schüsse in die Luft.

Das Blatt mit der „Hymne für unsere Erde“ (©1989), aus dem Romanischen vom Autor Flurin Spescha selbst hilfsübersetzt (das ist sein Wort), ist handschriftlich mit der Widmung „Per Gieri“ versehen. Die metaphorische Abfolge der Strophen entspricht fast Widmers Werk: Morgenrot (das sich in Widmers Urversion auf Gott reimt!), Sternenhimmel, Meer (bei Widmer lediglich: Nebel), Sturm. Flurin drückte mir die One-world-Version („Meine Seele weiss, dies ist unsere einzige Welt“) in die Hand, nachdem ich am Vortag von Widmer erzählt hatte. Flurin hat 1993 mit „Fieu e Flomma“ (Feuer und Flamme) den allerersten Roman in Romantsch Grischun geschrieben. Als ich eine neue berufliche Position übernahm, blieb er bei Mägi im Hinterzimmer des stadtpräsidialen Vorzimmers. Er heiratete und starb kurz darauf. Sein Grabmal im Sihlfeld D – von Heinz Häberli – ist ein durchsichtiger, filigraner und doch stürmischer Kubus aus ehernen Buchstaben, das Original seiner Welt-Hymne liegt unbeachtet in seinem Nachlass. Anderen Gegenentwürfen zum Schweizerpsalm erging es nicht besser. Nachdem der Bundesrat 1961 – erstmals überhaupt, vorher hatten die Kantone die Kompetenz, irgendeine Landeshymne zu singen (beliebt war „Rufst Du mein Vaterland“ von Hansrüedu Wyss, der ein Jahr später mit seinem Vater, dem gleichnamigen Münsterpfarrer zu Bern, den „Schweizer Robinson“ schrieb und damit das Original von Defoe in der europäischen Hitparade hinter sich liess. Wyss hatte sein Lied zur Melodie „God save the queen“ getextet, was gemäss Pro Helvetia an internationalen Treffen für Verwirrung sorgte) – den Schweizerpsalm für die Armee und diplomatische Vertretungen provisorisch zur Nationalhymne erklärte, ging gleich das Hickhack über das veraltete Lied los. Zwanzig Jahre nach dem ersten Bundesratsenscheid zur Landeshymne folgte der zweite BRB: Die Landeshymne ist definitiv geregelt, lasst die Sache auf sich beruhen. Denkste! Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, älter als der helvetische Bundesstaat, machte sich 1859 mit dem Kauf der Rütliwiese, welche sie der Eidgenossenschaft schenkte, einen Namen. Die 1- August-Feierlichkeiten auf dem Rütli sind noch heute Sache der SGG, vor wenigen Jahren hielt mein Doktorvater von Matt die Festrede. Derweil stellt der Vorstand der Gemeinnützigen fest, der Text der Nationalhymne entspreche nicht mehr der Realität, weil neben der Frömmigkeit keine anderen Werte erwähnt würden. Lanciert einen Wettbewerb: Die bekannte Melodie soll beibehalten werden, ein neuer Text sich inhaltlich an der Präambel der neuen Bundesverfassung von 1999 orientieren. Denkste! Der mit einem online-voting gekürte Siegerbeitrag von Werner Widmer, Gesundheitsökonom vom Zollikerberg, vermeidet das Wort Gott, weil sich in unserem Land über ein Viertel der Bevölkerung „zu keinem religiösen Glauben bekennt“. Die Bundesverfassung aber beginnt mit den Worten: „Im Namen Gottes des Allmächtigen!“

Nun, Kindergarten und Primarschule Nuolen (ein St. Galler Dörfchen Nähe Amriswil) werden den neuen und kindergerechten Kehrreim singen: „Weisses Kreuz auf rotem Grund, unser Zeichen für den Bund…, singen alle wie aus einem Mund“ – obwohl das Kompetenzzentrum zu Fragen rund um den Schweizerpsalm den Lehrkräften hervorragende Arbeitsblätter zu Verfügung stellt. Die freisinnige Lilo Lätzsch vom Zürcher Lehrerverein empört sich, dass es im Glarnerland Schulleiter geben soll, die in ihren Schulhäusern die neue Hymne nicht gesungen haben wollen. Chris von Rohr hingegen bezichtigt die Kritiker der herkömmlichen Hymne hochnäsiger Arroganz und kultureller Verblendung. Differenzierter argumentiert das reformierte Kirchenblatt und stellt fest, das der alte Text auch auch für Nichtchristen akzeptabel sei und durchaus auch von „grossmütigen Atheisten“ gesungen werden könne. Der Schweizerpsalm ist das einzige Lied, das zu lernen sich wirklich lohnt“, sagt der studierte Grundschullehrer Ludovic Magnin, „das habe ich mir schon in der Schule gut überlegt – für den Fall, dass ich einmal in der Fussball-Nati spiele“. Nur Streller hat noch schöner gesungen. Seit die beiden weg sind, verziehen die Tschütteler kaum mehr eine Miene, wenn der Schweizerpsalm im Stadion daherscheppert und die Fans den Refrain grölen. Gott sei Dank haben wir jetzt ein Frauen-Nati, die das Liedchen mit geschwollener Brust und voll Inbrunst singt.

Willkommen in der Sonderzone!

Schon wieder ist ein junger, schwarzer Mann im kühlen Fluss ertrunken. Niemand kannte ihn. Niemand vermisste ihn. Für die Behörden und die Bestatter eine Ausnahmesituation: Dieser Tod verlangt eine völlig neutrale, aber gleichzeitig würdige Prozedur und Beisetzung. Das anonyme Massengrab war naheliegend. Eine klar identifizierbare und ausgesonderte Stelle, ein anonymes Einzelgrab im zeitgemässem gutschweizerischen Gemeinschaftsgrab. Man weiss ja nie! Richterlich angeordnete Exhumierung, ansteckende Keime, unverrottbare Gene. Sicher ist nur, dass der grossgewachsene Junge den Abenteuerritt auf dem Fluss überlebt hätte, wenn er die Schwimmweste getragen hätte, die er nach der Schifffahrt über das Mittelmeer in der Ägäis zurückgelassen hatte, falls der unbekannte Nichtschwimmer in einer solchen Situation gewesen sein sollte.

Refugees Welcome ist einfach sympathischer als Ausländer raus. Und Angela hat mit ihrem pfäffischen Willkommensgetue das Flüchtlingsgetue abgesegnet und den Willkommens-Hype persönlich lanciert, wobei ihr dann später das Echo lästig wurde. Bis bezahlte Bürgerwehren die Balkanroute, Europas Hintereingang, durch ihre Patroulliengänge und dann mit Zäunen unterbrochen haben. Und europainnenpolitisch etwas Ruhe und Stabilität brachten, was alle begrüssten, weil der Terror wieder mal die meisten Follower lieferte. Das evangelische Hilfswerk bewirtschaftet noch die verebbende Solidaritätswelle: Farbe bekennen! Mit dem blauen Band am Handgelenk, wie All-inclusive-Touristen. Durch Kirchen- und Spendegelder wird zusammen mit unentgeltlich Engagierten ein umfangreiches Angebot für Flüchtlinge betrieben, Begegnungshäuser, Yoga-Kurse werden angeboten, Theater gespielt, die Cuisine sans frontières im Bundestestasylzentrum Juch unterstützt. Umfangreich und vielfältig ist auch der Flüchtlingsbegriff des Hilfswerkes. Zumindest jene im Bundeszentrum Juch sind Asylnachfragende, deren Gesuch geprüft wird, von diesen wird vielleicht einer von vier oder fünf eine Aufenthaltsbewilligung als Flüchtling erhalten. Junge Eritreer haben etwas bessere Chancen.

Von einer europäischen Politik im Umgang mit den Asylsuchenden kann keine Rede sein. Die oberste Maxime ist die Niederlassungsfreiheit der Unternehmen und der Entlöhnten, von Kapital und Arbeit, so dass die Marktgesetze in ihrer reinen Form auftrumpen können. Europa kann selbst die einfachsten Dublin-Grundregeln nicht operationalisieren – blosser theoretischer Aberglaube, getarnt als politische Vernunft. Die EU schickt Millionen in die Türkei in der wagen Hoffnung, dass die Türken nicht alle Migranten durchwinken. Afrikanische Staaten verlangen von der Schweiz Geld, wenn sie Migranten zurücknehmen sollen. Irgendwie schaffen wir das schon: Die Asylsuchendenbegleitungsindustrie ausbauen, die Ausbildungsmaschinerie, das Gesundheitswesen. Bezahlen kann das die Eidgenossenschaft mit Staatsobligationen, für welche wissentlich mehr bezahlt wird, als zurückbezahlt werden wird. Dank dieser virtuellen Gelddruckerei ist eigentlich egal, wie im Asyl- und Migrationsbereich politisiert wird. Alles kann administriert werden, mit einem hohen Grad von Raffinesse und Standardisierung. Und die Politik darf immer mal wieder in die Feinjustierung der Administration Einfluss nehmen. Aber nur nach Vereinbarung von messbaren Zielen, deren Erreichung im Testzentrum laufend mit sozialwissenschaftlichen Methoden überprüft werden kann. Hier geht es um die Steuerungshoheit. Von verantwortungslosen Kapitänen und Unteroffizieren wimmelt es. Der leitende Gefängnisarzt beklagt im Fernsehen, dass für einen Gefangenen ohne Aufenthalts- und Bleiberecht kein Kostenträger für eine bei jener Diagnose üblichen Behandlung gefunden werden kann (der Kanton Zürich hat ein entsprechendes Gesuch abgelehnt), statt selber die ihm richtig erscheinende Handlung vorzunehmen. Heilpädagogen beschulen nichtbegleitete jugendliche Asylbewerber, ohne dass sie einen Wissenszuwachs oder eine Verhaltensänderung feststellen können. Unter sich hat es die Horde Jugendlicher ganz gut, eher so Rap-style.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Grenzübergänge zu den Nachbarstaaten und innerhalb der EU ziemlich weit offen stehen. Die Pro-specie-rara-Fraktion der SVP hat in einer innerparteilichen Aussprache klar gemacht, dass allfällige Zaunaufbauarbeiten im Schweizer Gebirge eigenhändig unterbunden würden und lässt es so zur Schulterberührung mit den Ökosozialdemokraten kommen, welche die integrationspolitische Bewanderung der schönsten Wege über die grüne Grenze durch herkunftsmässig gemischte Fussgängergruppen bejubelt. Ja, offene Grenzen sind besser als geschlossene. Man sollte einen Befürworter des Jihad nicht an der Ausreise hindern. In den besiedelten Grenzgebieten könnten eidgenössische Sonderzonen begründet werden, in welchen die eidgenössische Hoheit auf das unveräusserliche Territoritaleigentumsrecht beschränkt wird. Wenn die UNO die selbstverwalteten Gebiete als staatliche Gebilde anerkennt, könnte man dem Beispiel von Auroville folgen und die Territorial-Oberherrschaft fallen lassen. Damit die Selbstverwaltung friedlich aufgebaut werden kann, werden den Landeskirchen und anerkannten zivilgesellschaftlichen Organisationen das Baurecht und die Gerichtsbarkeit für diese Gebiete zugesprochen. Getragen werden alle Aktivitäten und Investitionen in der Sonderzone durch Privatinitiative, Freiwilligenarbeit und Spendengelder. Den Kirchen wird im Gegenzug versprochen, weiterhin ihre internen Steuergelder einzuziehen und vollumfänglich zu erstatten.

Das übrige Grenzgebiet ist grundsätzlich offen. Wer in die Schweiz will, sich an die Gesetze hält, sich bei Ordnungswidrigkeiten kooperativ verhält und Busse zahlt, vor allem aber für sich selber sorgen kann oder dafür sorgen kann, dass für ihn gesorgt wird, hat Bleiberecht. Die Sonderzone ist gegen das Nachbarland offen und schweizseitig ummauert. Die Durchgänge stehen für alle offen, welche in die Sonderzone wollen. Wer aus der Sonderzone in die Schweiz will, muss sich ausweisen. Personen, welche in der Schweiz kein Bleibe- oder Aufenthaltsrecht haben, werden nicht eingelassen. Neue Asylgesuchstellende können direkt am Übergang ihr Gesuch stellen und werden bis zum Asylentscheid durch den Staat mit dem nötigen versorgt. Sans-Papier haben ihr eigenes Begegnungs- und Beratungszentrum. Personen, deren Asylgesuch in der Schweiz abgelehnt wurde, werden in diese Sonderzonen verwiesen, wenn sie nicht in ihren Heimatstaat zurückgeführt werden können oder wollen. Die Kirche weiss, dass sie mit diesen Leuten einen herrlichen kleinen Gottesstaat aufbauen kann, welcher manchen Muselmann und Wodoobrother zu Jesus bekehren wird oder wo man sich mindestens kooperativ zeigt und sich um Toleranz und Einvernehmen bemüht. Amnesty-Spezialisten werden die Ordnungskräfte und Justizorgane beraten und überprüfen. Landwirtschaftliche Kooperativen und Handwerker werden den Marktplatz in der Freihandelszonen bereichern. Die Tourismus- und Event-Wirtschaft bleiben in diesem globalisierten, an der Schweizer Grenze lokalisierten Freistaat in der Hand jüngerer Schweizer. Für einen ersten Test eignet sich die Grenze zu Österreich; da oben an der Rheinmündung in den Bodensee sind vor allem Migranten aus dem Nordosten und aus Asien zu erwarten. Die Nähe zu St. Margrethen und Bregenz verspricht lebhafte Beteiligung der einheimischen Bevölkerung und kreative Kraft, die Nähe zum Bischof Vitus in Chur ermöglicht finanzielle Unterstützung aus dem Vatikan. Hotspots nachhaltigen Wirtschaftens. Ventilatoren für die hochsensiblen Schweizer Industriebürocomputeradministrationssysteme.

Lakhsige Herkunft

Was tun Menschen für Geld? Das ist die grosse Frage, welche die Manifesta aufwirft. Einen Regenwurm schlucken für 10 Rappen? Auf den Kopf springen für 20 Rappen? Betteln für einen Stutz? Nichtstun und Zinsen einsacken? Allerlei tun Menschen für Geld, keine Frage. Keine grosse auf jeden Fall, die Frage, zu welchen Menschen Geld hingeht. Woher das Geld kommt? Der Gemeinderat Zürich hat 5 Millionen bewilligt. Die Künstler erhalten ein mittleres Jahressalär für ihr Projekt. Aus 80 Tonnenn Klärschlamm gepresste Quader zeigt der Amerikaner Bouchet in der Kunsthalle, Zeichnungen weiblicher Orgasmen bei Selbstbefriedigung sind woanders zu sehen. Robert Menasse soll irgendwo oder überall sein Nichtstun spürbar machen. Wäre mein Riechvermögen intakt, würde ich mir bestimmt die vom Ami zwischengelagerte Zürcher Scheisse anschauen. Ich sympathisiere hörbar mit Menasse, kein bildender Künstler, ein gebildeter Schreiber.

Woher kommen wir? Was der Kunst Recht ist, ist der Philososphie vergnügliche Pflicht. Nach der Kunstausstellung fragen wir uns, wohin wir gehen, für einen Trunk natürlich, nicht am Lebensende. Wer wir sind, fragen wir uns morgens, wenn wir plötzlich im Spiegel des Badezimmers erscheinen. Woher wir kommen, wissen wir in etwa. Ich kenne Mutter und Vater; weiss, woher die Vorfahren stammen. Hauptwurzeln im voralpinen Weisstannen- und napfigen Emmental. Vom Bauernhof eben, der von immer neuen Generationen bewirtschaftet wurde und die Ahnen mit karger, dafür autochthoner Bionahrung versorgte. Die Knaben pressten Kuhmist zu kleinen Quadern. Die Mädchen besorgten irgendwas. Auf dem Üetliberg waren die keltischen Helvetier, ihr fryer Anführer Udo Kulm, mit denen hab ich wohl auch noch was zu tun. Dann kamen die Römer, aber das Lateinische passte nicht zur Limmat und auch nicht in die Höger. Früher waren irgendwelche Germanen da. Solche Germanen sind wir vielleicht immer noch. Als Germanen bezeichneten die Römer die Menschen, die nördlich ihres Reiches lebten: Die letzten Barbaren ausserhalb des Mittelmeer-Kulturkreises.

Aber das müssen wir nicht auf uns sitzen lassen. Wir sind ja eigentlich Indogermanen. Indogermanen sind jene, welche zur indogermanischen Sprachfamilie gehören, die halbe Welt also, von Island bis Java. Sanskrit spielt im Indogermanischen eine wichtige Rolle, weil es die besterhaltene vorantike Sprache in diesem Sprachraum ist. Noch heute wird im gesamten südasiatischen Raum Lakh als Zahlwort für 100’000 gebraucht, zum Teil auch in Ostafrika. Lakh ist Hindi und stammt aus dem Sanskrit (laksha). Das geht auf das ur-indogermanische loks zurück, was soviel heisst wie Lachs, der allseits beliebte Ess-Fisch, der früher auch im Rhein wimmelte. Die Bedeutung ist ursprünglich „unübersehbare Menge“. Auch in Alt-Ägypten gibt es eine Wasserlebewesen – Kaulquappen -, das so oft vorkommt, dass es der riesigen Zahl 100’000 Name und Hieroglyphe darbot. Eine Million sind 10 Lakh, 100 Lakh sind dann 1 Crore, eine Milliarde sind 10 Crore, geschrieben 10’00’00’000. Achtung: Im Iran entspricht 1 Crore gerade mal 500’000! Im indogermansichen Sprachraum ist der Umgang mit den 10er-Potenzen im Dezimalsystem wenig einheitlich.

Die ethymologische Verwandtschaft rund um das Lakh und den Lachs lieferte das kontinentaleuropäische Argument, dass die Ur-Indogermanen aus dem nördlichen Mitteleuropa stammen, nicht aus der eurasischen Steppe, wie man im Osten behauptet: In der Steppe gibt es keinen Lachs! Die heutigen Philologen stehen dem Lachsargument eher skeptisch gegenüber und sehen den Ursprung des Indogermanischen und der Indogermanen in der 6000 Jahre alten Kurgankultur, Halbnomaden-Völker mit Hügelgräbern im heute umkämpften Donbass. Diese These war ursprünglich verknüpft mit der Gleichsetzung von Indogermanen und Ariern, was Hitlers Vorstoss zur Wolga verständlich macht. Aber das Wort Arier stammt aus Asien: Iran ist das Land der Arier, auch die nordindischen Sprachen weisen das Wort auf. Als indoarische Sprachen werden heute alle nicht-drawidischen Sprach in Indien bezeichnet. Falsche Fährte.

Egal welcher Hypothese über den Ursprung und die Lokalisierung der Ur-Indogermanen man anhängt, alle gehen davon aus, dass sich Indogermanen vor gut 4000 Jahren mächtig ausgebreitet haben und so ihre Sprache in die Welt hinausgetragen haben. Das Vokabular und die grammatische Struktur stimmen im gesamten indogermanischen Sprachraum recht weitgehend überein. Die durch die kräftigen Indogermanen aufgemischten Völker haben das kulturelle Skelett der indogermanischen Sprache in ihre unverständlichen Idiome inkorporiert. Im Detail weiss man natürlich nicht, welche Indogermanen ausgewandert sind. Waren das junge Männer, welche ihre Sippen verliessen und von den Frauen von Island bis Südchina freudig und sexhungrig empfangen wurden, um die Völker gemäss den genetischen Gesetzen zu vermischen? Oder waren das ganze Sippen, die in alle Himmelsrichtungen ausser Norden strömten, sich weit weg neben anderen Stämmen niederliessen und Sippensex suchten? Seit unserer Zeitrechnung haben sich die Völker kaum vermischt. Meine Vorfahren lebten seit Jahrhunderten am einen Ort. Die Vermählung von geschlechtsreifem Nachwuchs war Grossfamilienpolitik. Mit Fremden ist man auf der ganzen Welt freundlich, aber mit Ihnen vermischt man sich nicht (ausser man gehört zur Herrscherelite und hat seine expansionspolitischen Gründe). Die indogermanische These wackelt vor der Erfahrung.

Die indogermanische Ursprache hat man in den letzten zweihundert Jahren weitgehend rekonstruiert, indem man eine Theorie der Sprachentwicklung als darwinsche Sprachevolution postulierte. Vor Schleichers erster Rekonstruktion hat man Sanskrit als Näherungsmodell der Ursprache verwendet. Nun aber hat man das Indogermanische als eigentliche Kunstsprache fertig kreiert. Dann folgert man logisch, dass diese Sprache auch gesprochen wurde, weil eine Hochsprache als reine Schriftsprache undenkbar ist (es liegen keinerlei schriftliche Zeugnisse vor!)  – das wäre Anti-Sanskrit. Nun wackelt die indogermanische These vor der Vernunft: Ein blosser Zirkelschluss. Es gibt keine indoeuropäische Ursprache. Unsere Urahnen sind Adam und Eva aus Afrika, die in den Alpentälern weiss geworden sind, zur besseren Tarnung im Winter. Wir sind keine Indogermanen. Nur in der deutschen Sprache gibt es dieses herkunftspolitische Kunst-Wort. Lachs aber schmeckt überall, Läck-so-guet, und diese Kunde hat sich schnell verbreitet.