Die Textur meines Gartens oder Variation der Reflektanz

Ich sitze in der Laube. Der Garten kann warten. Im Garten wuchert die Wahrheit. Erdfrüchte bleiben ungelesen, winterschlafen sich durch und vermehren sich bei der ersten Frühlingssonne. Die Würmer wohnen diesem Treiben bei. Die Triebe schieben sich hoch und durchstossen den Gegensatz von Himmel und Erde. Die feuchte Baumnuss gebiert den Spross des knorrigen Riesen, dessen Wurzeln die entsorgte Waffe sicher umfussen. Kräftige Petersilie. Als Kartoffelselbstversorger muss ich nicht alles wissen, mir genügt die simple Wahrheit. Die Monstranz-Bohne trage ich in der gartenlosen Zeit als Talisman in der Wintermanteltasche. Ich empfähle mich als Gurke, frügte mich Gott nach meiner Vorstellung eines veganenen Neuanfangs im grünen Konjunktiv. Die Hirse wächst mir über den Kopf, sie kornt mich von oben herab und neigt sich mir im Hochsommer zärtlich zu. In der Laube schwebt die Leichtigkeit der Literatur. Die Gabe der Sprache und das Wunder der Kunst als Güte und Schönheit zwischen den Buchdeckeln der göttlichen Gnade. Die Luft erwärmt sich, Rebenblätter und Sonnenstrahlen schäkern und spielen das Hier und Jetzt, stetes Ineinanderfallen der Gegensätze. Die Sorten wandern durch die Beete, nachts, oder unter der Schneedecke. Sie suchen sich selber den Platz, an dem sie wiedergeboren werden. Halten sich still, bis Gott sie will. Der Garten ist energisch, unermüdlich, sanft und gutmütig, aber sprachlos. Mutter Erde drückt sich sinnlich aus. Sie gebiert, blutet, trieft. Sie lässt sprossen, blühen, reifen, fruchten. Der Mensch staunt neidisch: Ohne dieses Blattgrün schafft er es nicht, das Sonnenlicht in Materie zu verwandeln. Der Trinakria-Knoblauch überragt alles. Er treibt Blüten wie Fussbälle.

Objectus. Bild vom Objekt; Subjekt für das andere Subjekt.

Am Ostersonntag zeigen sich die Knospen des Rheum hybridum, Rhabarber gerufen, wie die Eichel in der anfangs Pubertät zu eng gewordenen Vorhaut. Nachdem sich einige feingerippte, grünrötliche Blätter entrollt haben, stösst der Blütenstängel vor. Überschiesst den faltigen Blätterkranz und prahlt dionysisch. Mit einer feinen, fast durchsichtigen Schutzhaut überzogen. Zum Platzen prall. Blumenschmuck für das Turrisi in Castelmola, wo man Mandelwein inmitten phallischer Raumausstattung schlürft. Die Blütenstängel werden abgeschnitten, bevor die Knospe platzt. Wenn die Blüten durch die Hülle hervorbrechen, schwindet die Kraft und der Saft und die Zuversicht der süsssauren Krautstile.

Die Taube schwebt mitten über der Staude. Arten von Engeln, die warten. In zarten Spitzen der Hoffnung. Emergieren lichterloh ihr zartflaumiges Gefieder. Hecken, Sträucher. Fliegensurren, Bienensummen, Hummelgrummeln, Falterbrummen, Bremsenknurren, Zirpenzurpen, Libellenwummern, Mückenwimmern.

Subjectus. Bild vom Subjekt; Objekt für das eigene Subjekt.

Eine verglaste Gartenlaube mit Blick durch den halboffenen Innenraum auf die Talseite. Am rechten Bildrand die mit Reben zugewachsene Fensterfront, zur linken Seite ein offenes Fenster zum Siestaraum sowie der leicht geblähte Vorhang hinter der Eingangstüre. Die Bildmitte zeigt die Aussicht auf den gegenüber liegenden Hügel, zuoberst bewaldet, am Waldrand bewandert, am Stadtrand bebaut und besiedelt. Unter diesem Bild im Bild ein grober Tisch, dreiseitig von einer Sitzbank umrandet. Links sitzt ein Mann in einer violetten Trainerjacke mit hellen Schulterstreifen, zufriedenen Blickes gegen den Betrachter, die Lesebrille im Haar, in der Pose der Illuminaten.

Vor ihm Papiere, Bücher, Buchstaben, Wörter, Gedrucktes, Handgeschriebenes. Das Reich der Transformanz. Mitten in der Sprachwelt das Ebenbild vom Bild, der Sieg der Ikonodulen, die Darstellung des Dargestellten.

In diesem Moment geschieht das vorhersagbare. Meine Person schlüpft durch den Autor in den Vortragenden. (Weiter in Mundart:) „ Ich ertrage meine Garten-Nachbarn nicht mehr. Der Jules kriecht auf seinem Wegsystem wie ein katholischer Konvertit im KZ. Seine Frau miemt die Dienerin. Der Gartenvereinspräsident auf der anderen Seite hat hinter meinem Rücken meine Calendula officinalis geschändet – oder zumindest schlecht gemacht. Auf der anderen Seite eine strahlende Matrone mit knallroten Lippen, die mir Angst macht, sie könnte mich in ihr Lebkuchenhäuschen einsperren und ihren Schnecken zum Frass vorwerfen.
Ich brauche neue Nachbarn! Am liebsten Slammer und Poetinnen, die hin und da auf den Gartenstuhl stehen und mit ihren gesprochenen Worten das Pflanzenwachstum, die Blüte, die Bestäubung und den Reifungsprozess und die Farbgebung zu Gunsten und zur Freude von allen, inklusive Herrgott, authorisieren.“

Der Übergang zwischen Subjekt und Objekt

Unter Gottes Haube räkeln sich behauste Burgunderschnecken, lecken die Laken, ihre intime Verbindung materialisiert in einer Skulptur von angetrocknetem Schaum. Erschöpft weggedreht dösen sie die finalkausale Zweckerfüllung. Sie rauchen nicht, sie reden nicht. Sie schweigen sich gedankenlos aus. Der Übergang zwischen Objekt und Subjekt als jeweils eigenes Phantasma. Ereignis und Performanz zugleich. Nomaden als Monade.